Leute mittelgut kennen... Schwierigkeiten...

  • Bei mir gibt es folgendes Phänomen:

    Wenn ich Leute gar nicht kenne, kann ich gut mit ihnen umgehen, bin gesprächig usw.

    Wenn ich Leute gut bis sehr gut kenne, sind sie mir vertraut, ich kann so sein wie ich bin, bin auch wieder gesprächig usw.

    Nur: Wenn ich Leute nur ein bisschen kenne, bin ich oftmals seltsam gehemmt bzw. ich stottere mir einen ab, gehe ihnen aus dem Weg, weiß nichts zu sagen, fühle mich einfach nicht gut ausgehoben.

    Beispiele:
    - in meiner alten Firma (kleiner Mittelständler) haben wir einen auf Familie gemacht, d.h. viele, auch aus unterschiedliche Geschäftsbereichen,haben sich untereinander Geschichten von zuhause erzählt usw., nur ich war da immer außen vor. Seitdem ich jetzt in einer größeren Firma arbeite, und wir dieses "Familienleben" nicht mehr haben, geht es mir viel besser. Man grüßt sich aufm Flur, redet mal auch übers Wetter, das war's dann aber auch.
    - auf Messen, Kongressen etc. bin ich immer froh wenn ich alleine hinfahren kann und mir niemand über den Weg läuft, den ich kenne. Begegne ich doch mal jemanden aus meiner Firma bzw. von früher rudimentär, gibt es dann von meiner Seite aus immer so ein Unwohlsein.
    - wir wohnen in einem Neubaugebiet; wenn ich da meinen Nachbarn begegne, weiß ich nie, was ich mit denen reden möchte. "Baugeschichten aller Art" wäre ein dankbares Thema, doch da fühle ich mich immer so unqualifiziert. Ansonsten fallen wir als kinderloses Paar eh aus dem Rahmen. Trauriges Ergebnis ist allerdings, dass ich, obwohl dort schon 5 Jahre wohnend, noch nicht wirklich jemanden näher kennengelernt habe.

    Frage: Kennt dies jemand von Euch auch? Bei den allermeisten Menschen, die ich kenne, ist das nicht so; meine Frau bspw. ist auch sehr introvertiert, allerdings steigt ihr Aufgehobenheits-Gefühl monoton dazu, wie gut sie die Leute kennt (hat also nicht diese "Delle" wie es sie bei mir gibt).

    Hab da inzwischen auch eine Theorie, aber ich bin erst mal gespannt, was Ihr sagt...

  • Spannendes Thema. Ich kenne dies Unwohlsein ganz gut von mir selbst. Wenn es keine direkten Berührungspunkte gibt, bin ich auch sehr wortkarg. Ich habe mir im Laufe meines Lebens angewöhnt, unumgängliche Menschen nach Berührungspunkten abzuscannen. Also zB Themen wie Haustier, Garten, Kinder, Musik, Sport etc. herauszufinden, damit man was "Richtiges" zum Reden hat, ohne Smalltalk, auch wenn man sich nicht so gut kennt. Zumindest klappte es meistens im Dienst, aber mit meinen Nachbarn bin ich in 15 Jahren nicht zutraulich geworden. Ich bin höflich und mehr nicht. Geredet wird nur, wenn es ein Anwohnerproblem gibt (= Berührungspunkt) Das wird akzeptiert.

    Wege und Aufgaben mache ich auch am liebsten allein, ich bin einfach kein Teamplayer.


    PS: in unserer Gartenkolonie habe ich das öfter gehabt, insbesondere bei neuen Nachbarn. Aber mit so Sätzen wie "Wenn Dich etwas stört, bitte gern einfach Bescheid sagen" oder "Falls Ihr mal einen Schaden (Einbrecher oder Sturmschaden) bei uns seht, würdet Ihr uns dann informieren?" Das ist dann so nachbarschaftliches Zusammenhalten, auch wenn man sonst keine Berührungspunkte hat.

    Edited 2 times, last by Thymian: Ein Beitrag von Thymian mit diesem Beitrag zusammengefügt. (September 23, 2026 at 3:53 PM).

  • Wenn ich Leute gar nicht kenne, kann ich gut mit ihnen umgehen, bin gesprächig usw.

    Ja. Gilt aber nur für berufliche oder sachbezogene Gespräche. Treffe ich auf einer privaten Feier von Freunden oder in der Familie auf Leute, die ich gar nicht kenne, bin ich nicht gesprächig.

    Wenn ich Leute gut bis sehr gut kenne, sind sie mir vertraut, ich kann so sein wie ich bin, bin auch wieder gesprächig usw.

    Ja. Auch hier eine Einschränkung: Der Zeitraum für solches soziales Agieren ist deutlich kleiner als bei anderen Menschen. Das heißt: Auch wenn ich mich in einer Situation wohl fühle, ist deutlich früher Schluss als bei anderen.

    Wenn ich Leute nur ein bisschen kenne, bin ich oftmals seltsam gehemmt bzw. ich stottere mir einen ab, gehe ihnen aus dem Weg, weiß nichts zu sagen, fühle mich einfach nicht gut ausgehoben.

    Ja. Je nach Tagesform vermeide ich z. B., im Treppenhaus auf andere zu treffen, obwohl wir eine gute Hausgemeinschaft bilden.

  • Das kommt mir bekannt vor und Nachbarn kennengelernt habe ich auch nie, wie lange auch immer ich irgendwo gewohnt habe. Hatte daran allerdings auch kein Interesse. Aber bei der Arbeit ist es mir immer etwas peinlich, wenn ich selbst nach Jahren nur eine Person oder sogar niemanden besser kenne, weil ich einfach die dafür nötigen Gespräche nicht führe (ich will sie nicht führen und wüsste auch nicht, wie).

  • Ja. Je nach Tagesform vermeide ich z. B., im Treppenhaus auf andere zu treffen, obwohl wir eine gute Hausgemeinschaft bilden.

    Das kommt mir auch bekannt vor. Selbst bzw. gerade dann, wenn man ein gutes Verhältnis hat. Und irgendwie findet man immer eine Ausrede mit jemandem gerade mal nicht in Kontakt zu treten.


    Wobei es halt auch problematisch ist. Um richtige Freunde zu finden (mit denen ich dann auch gerne interagiere) muss ich erst mal durch das "Tal" der losen Bekanntschaften gehen.

    Bei meinem alten Arbeitgeber habe ich beobachtet, dass sich dort richtige Freundschaften gebildet haben; das war bei mir nie der Fall. Wie denn auch, wenn ich schon mit oberflächlichen Schäkereien Schwierigkeiten hatte? Ähnliches beobachte ich in meiner Nachbarschaft.

    Aber: Ich hätte gerne mehr Freundschaften: nicht oberflächliche Bekanntschaften, sondern Freundschaften. Aber um erstere zu knüpfen müssen diese erst mal durch das Stadium der zweiteren gehen. Nennt sich auch Vertrauensbildung bzw. abklopfen ob man zusammenpasst, von 0 auf 100 möchte keiner Dein Freund sein.

    Meine Freunde stammen v.a. noch von "früher" (Schule, Studium, wohnen allerdings weit weg, weswegen es da kaum mehr Aktivität gibt), oder es sind gemeinsame Freunde, die ich mit meiner Frau habe.

    Es war schon immer schwierig für mich, Leute richtig kennenzulernen (also so, dass man sie dann auch "Freunde" nennen könnte). Und es ist über die Jahre auch nicht leichter geworden, denn in Deutschland (so meine Erfahrung) sind Männer im mittleren Alter nicht unbedingt zugänglich; diese Art von Vereinsamung ist nicht nur mein eigenes Problem, sondern gewissermaßen auch ein gesellschaftliches.

    Edited 2 times, last by Tirando: letzten Absatz hinzugefügt (September 24, 2026 at 7:55 AM).

  • Meine Freunde stammen v.a. noch von "früher" (Schule, Studium, wohnen allerdings weit weg, weswegen es da kaum mehr Aktivität gibt), oder es sind gemeinsame Freunde, die ich mit meiner Frau habe.

    Mit meinem Partner habe ich auch ein paar "gemeinsame Freunde" Allerdings bin ich davon überzeugt das es im Fall einer trennung nur noch seine Freunde wären. Daher wünsche ich mir auch ein paar eigene Freundschaften.

    Nur: Wenn ich Leute nur ein bisschen kenne, bin ich oftmals seltsam gehemmt bzw. ich stottere mir einen ab, gehe ihnen aus dem Weg, weiß nichts zu sagen, fühle mich einfach nicht gut ausgehoben.

    Ich glaube die meisten reden sehr gerne über ihren Beruf. Zumindest fragen Fremde ziemlich oft was man denn beruflich so macht. Ansonsten lohnt es sich vielleicht herauszufinden wofür sich die andere Person interessiert.

  • Mit meinem Partner habe ich auch ein paar "gemeinsame Freunde" Allerdings bin ich davon überzeugt das es im Fall einer trennung nur noch seine Freunde wären.

    Hat Dein Partner diese Freunde in die Beziehung „mit eingebracht“ oder habt ihr sie gemeinsam aufgebaut?

  • Mit meinem Partner habe ich auch ein paar "gemeinsame Freunde" Allerdings bin ich davon überzeugt das es im Fall einer trennung nur noch seine Freunde wären. Daher wünsche ich mir auch ein paar eigene Freundschaften.

    Ich glaube die meisten reden sehr gerne über ihren Beruf. Zumindest fragen Fremde ziemlich oft was man denn beruflich so macht. Ansonsten lohnt es sich vielleicht herauszufinden wofür sich die andere Person interessiert.

    Bei mir ähnlich. Mir wurde das vor ca. 3 Jahren mal so richtig bewusst, dass ich kaum eigene Freunde habe, bzw. die gemeinsamen Freunde, die wir haben, stehen meiner Frau näher als mir. Kann schon sein, dass sie im Fall einer Trennung jeden von uns gleichermaßen supporten; aber kann auch sein, dass dann eine Entscheidung getroffen wird, auf welcher Seite sie stehen möchten.

    Seit also ca. 3 Jahren bin ich sehr bemüht, mir etwas "eigenes" aufzubauen, es scheitert aber sehr oft an dem im Eröffnungsposting angesprochenen Problem: Über etwas Smalltalk komme ich bei den Allermeisten nicht hinaus. Bzw. irgendwann sind dann mal die Smalltalk-Themen abgegrast, und dann stocken die Gespräche und damit auch das Werden der Bekanntschaft.

    Ich kann mir vorstellen, dass ich interessenstechnisch auch nicht unbedingt mit den meisten Männern meines Alters "kompatibel" bin, und dass es daher keine gemeinsame Grundlage gibt. Die meisten reden gerne über Fußball, Hausbau, Auto... Beruf... kann ich zwar mitreden, und ich mag dieses Gesprächsthema auch; nur ist es nur dann wirklich dankbar, wenn beide etwas dazu zu sagen haben, d.h. jeder sich ein bisserl mit dem Beruf des anderen auskennt bzw. da zumindest interessiert ist.

    Es kann aber auch sein, dass es nicht nur an den Interessen liegt, sondern ich vllt. auch komisch auf die anderen rüberkomme. Wobei: Die, die ich gefragt habe (bspw. meine Frau, oder auch mal eine Jobcoachin) haben mir geantwortet "ganz normal", liegt aber vllt. daran, dass sie mich sehr gut bzw. sehr offen erlebt haben, in Einzelgesprächen und in geschützterUmgebung, da bin ich als ganz anders als "in the wild".

  • Hat Dein Partner diese Freunde in die Beziehung „mit eingebracht“ oder habt ihr sie gemeinsam aufgebaut?

    Es sind Freunde die mein Partner bereits vor der Beziehung hatte.

    Ich kann mir vorstellen, dass ich interessenstechnisch auch nicht unbedingt mit den meisten Männern meines Alters "kompatibel" bin, und dass es daher keine gemeinsame Grundlage gibt. Die meisten reden gerne über Fußball, Hausbau, Auto... Beruf... kann ich zwar mitreden, und ich mag dieses Gesprächsthema auch; nur ist es nur dann wirklich dankbar, wenn beide etwas dazu zu sagen haben, d.h. jeder sich ein bisserl mit dem Beruf des anderen auskennt bzw. da zumindest interessiert ist.

    Je nachdem wofür du dich begeisterst könntest du dir Gruppen/Vereine suchen. Vielleicht findest du auch hier im Forum Menschen mit denen du dich leichter über Themen austauschen kannst und so Freundschaften aufbauen kannst.

    Es kann aber auch sein, dass es nicht nur an den Interessen liegt, sondern ich vllt. auch komisch auf die anderen rüberkomme.

    Möglich. Bei mir denke ich zumindest auch oft das andere mich aufgrund des Autismus eigenartig finden. Mein Partner sagt dann das ich mir zu viele Gedanken mache.

  • Je nachdem wofür du dich begeisterst könntest du dir Gruppen/Vereine suchen. Vielleicht findest du auch hier im Forum Menschen mit denen du dich leichter über Themen austauschen kannst und so Freundschaften aufbauen kannst.

    Mit Vereinen bin ich gerade dran. Astronomie bspw. ist ein Steckenpferd von mir, und da habe ich mich in die Amateursternwarte eingeschrieben, die glücklicherweise im Nachbarort zu finden ist. Ein anderes Hobby von mir ist Philosophie, aber da habe ich bis jetzt nur ein Meetup in einer eine halbe Autostunde entfernten Großstadt gefunden. Und dann halt auch noch auf Englisch, da traue ich mich nicht. Bei der Computerei aller Art gibt es übrigens viele Meetups, doch ich möchte in der Freizeit nichts machen, was ich beruflich mache (Astronomie ist da schon grenzwertig, da das, wenn man es ernst betreibt, auch viel mit Computer, Programmieren usw. zu tun hat).

    Wie dem auch sei, auch Vereine lösen das oben skizzierte Problem nicht, dass ich, um Leute richtig kennenzulernen, erst mal durch das Tal der lockeren Unterhaltung (Schäkereien usw., gerne dann auch in größeren Gruppen, was mir besonders schwer fällt) durch muss. Es kann natürlich schon sein, dass es leichter wird, wenn einen die Themen wirklich interessieren; aber gerade bei der Astronomie hat man teilweise dann auch wieder so krasse Nerds am Start, dass man nur ehrfürchtig sein kann; und ich will ja eigentlich Leute kennenlernen mit Ziel Freundschaft und nicht mit Ziel einen Doktor in Astronomie zu machen.

    Habe übrigens meine Partnerin über ein Forum (nicht dieses hier und auch nicht dessen Vorgänger, sondern zu einer Fernsehserie) kennengelernt, geht also ;) Andererseits bin ich schon 15 Jahre Mitglied in einem anderen Forum, habe dort alles in allem ca. 15000 Beiträge gelassen, und es ist summa summarum erstaunlich wenig draus entstanden, also jetzt, was Bekanntschaften/Freundschaften IRL angeht.

  • Wie dem auch sei, auch Vereine lösen das oben skizzierte Problem nicht, dass ich, um Leute richtig kennenzulernen, erst mal durch das Tal der lockeren Unterhaltung (Schäkereien usw., gerne dann auch in größeren Gruppen, was mir besonders schwer fällt) durch muss.

    Stimmt. Für komplizierte Probleme gibt es aber auch selten einfache Lösungen. Es waren nur Ideen.


    Habe übrigens meine Partnerin über ein Forum (nicht dieses hier und auch nicht dessen Vorgänger, sondern zu einer Fernsehserie) kennengelernt, geht also ;) Andererseits bin ich schon 15 Jahre Mitglied in einem anderen Forum, habe dort alles in allem ca. 15000 Beiträge gelassen, und es ist summa summarum erstaunlich wenig draus entstanden, also jetzt, was Bekanntschaften/Freundschaften IRL angeht.

    Herzlichen Glückwunsch!🙂 Ich habe meinen Partner auch online kennengelernt.

  • Was meinst Du damit? Ich kenne Schakern nur als Flirten zwischen Verliebten. Lerne aber gern dazu.

    Habe gerade nochmals nachgeguckt: Google gibt auch die Synonyme scherzen, spaßen, albern an... (also auch unter Freunden und Bekannten, nicht nur unter Verliebten)

  • Ja. Je nach Tagesform vermeide ich z. B., im Treppenhaus auf andere zu treffen, obwohl wir eine gute Hausgemeinschaft bilden.

    Das kenne ich auch von mir. Ich warte lieber wenn ich jemanden im Treppenhaus höre bis die Person weg ist weil ich der Person nicht begegnen will und wechsle sogar Straßenseiten oder ändere meinen Laufweg beim Spazieren gehen um Menschen nicht zu begegnen.

    Aber: Ich hätte gerne mehr Freundschaften: nicht oberflächliche Bekanntschaften, sondern Freundschaften. Aber um erstere zu knüpfen müssen diese erst mal durch das Stadium der zweiteren gehen. Nennt sich auch Vertrauensbildung bzw. abklopfen ob man zusammenpasst, von 0 auf 100 möchte keiner Dein Freund sein

    Ja, der Prozess des Kennenlernens ist auch mühsam. Dieses von 0 anfangen ohne den anderen zu kennen dauert und dauert und in dieser Zeit mache ich leider viel zu viele Fehler oder sage etwas Falsches weil mich die Person eben nicht so sehr einschätzen kann wie jemand, der mich wirklich lange und gut kennt Und um mich gut zu kennen müsste die Gegenseite auch extrem viel Zeit investieren weil mich gefühlt auch Leute nicht richtig kennen, die mich eigentlich seit Jahren kennen. Selbst meine Eltern wirken manchmal auf mich "fremd".

  • Danke schon mal für Eure Antworten!

    Mir ist noch eingefallen, ich bin Euch noch etwas schuldig...

    Hab da inzwischen auch eine Theorie, aber ich bin erst mal gespannt, was Ihr sagt...


    Ich stelle ja die im Thread thematisierte Problematik (d.h. bei neuen oberflächlichen Kontakten bin ich gesprächig, habe ich viel zu sagen; bei alten vertrauten ebenso; nur bei mittelmäßig Bekannten habe ich meine Schwierigkeiten) bei mir ja schon eine Weile fest. Damals wusste ich noch nicht, dass ich im AS liegen könnte, ich konnte mir keinen Reim draus machen.

    Inzwischen glaube ich, es liegt genau daran. Und zwar sehe ich den Grund darin, dass ich mit neuen, oberflächlichen Kontakten relativ gut kann, dass ich dann ein Skript fahre, d.h. ich maskiere dann stark und (vielleicht) auch erfolgreich. Deswegen gelingt mir dann Smalltalk noch relativ gut; nur dann, wenn die üblichen Themen abgegrast sind (also aus den neuen Kontakten mittelmäßig Bekannte werden), kann ich dem Skript nicht mehr ganz folgen, und dann wird es halt schwierig.

    Es könnte auch sein, dass meine Gegenüber an diesem Punkt unbewusst ahnen, dass sie es nicht mit einem "normalen" Menschen zu tun haben, sondern eben mit jemandem "fremdartigen", also jemandem neurodivergenten; und dann von sich aus etwas auf Abstand gehen. Oft erlebe ich es, dass nach anfänglichen "Freundlichkeiten" Leute nach 'ner Weile dann wortkarg werden. Was es für mich dann umso schwieriger werden lässt, zu ihnen durchzudringen.

    Ich weiß auch nicht wirklich, wie introvertiert bin. Manche Sachen, die NT-Leuten, die von sich behaupten introvertiert zu sein, sehr schwer fallen, fallen mir vergleichsweise leicht; während mir anderes wiederum umso schwerer fällt.

    Beispiel: Ich kann mich noch erinnern, dass ich für unsere Abi-Zeitung damals Sponsoren suchen musste. Dafür musste ich in den Fußgängerzonen der umliegenden Kleinstädte bei den Geschäften "Klinke putzen". Obwohl ich mich damals als introvertierten Menschen gesehen habe, fiel mir das relativ leicht, bspw. bisserl Smalltalk mit den einzelnen Geschäftsleuten, es waren dann ja auch immer die selben Sachen, die man gefragt wurde... Es hatte sogar bisserl Spaß gemacht...

    Anderes Beispiel: In der Schule hatte ich mal eine Phase, wo ich mich gar nicht mehr getraut hatte mich zu "melden", und wenn mich die Lehrer mal was gefragt hatten, habe ich dann, vermutlich weil es mir so unangenehm war, nur noch was dahergenuschelt, leise und unverständlich. Das war schon nicht mehr ganz normal, selbst für jemanden introvertierten; und ich habe mich dann zum Glück wieder gefangen. Aber bisserl was ist immer noch: Auf der Arbeit sind wir in den täglichen Morgenmeetings, die online stattfinden, als ca. 15 Leute, und da gelingt es mir kaum, ins Gespräch reinzukommen, selbst bzw. gerade jetzt, nachdem ich die Leute schon bisserl kenne. Ich muss mich förmlich zwingen, da mal was zu sagen. Und diese Art von Gezwungenheit merkt man mir dann wohl auch an. Gar nichts zu sagen, indes, kann es auch nicht sein, weswegen ich mich halt stets dazu antreibe, über den eigenen Schatten zu springen. Ich schreibe mir Themen bzw. Fragen immer sukzessive in meinen Notizblock, und hake diese dann ab, wenn ich sie in den Meetings anbringen konnte, was mir ein kleines Erfolgserlebnis liefert.


    Hoffe, das erklärt es etwas. Also starke, und als hochfunktionaler Autist (der ich (vermutlich) bin) relativ erfolgreiche Art von Maskierung bei "unbekannten" Kontakten. Geht man aber tiefer, funktionieren diese einfache Skripte dann nicht mehr wirklich, hinzu kommt vielleicht das Befremden des (NT-)Gegenübers. Und man ist halt leider auch nur selten in einer "Laborsituation", wo ich mich voll auf den anderen und auf das Gespräch konzentrieren kann, oft genug hat man andere Leute, mit denen man jonglieren muss, oder irgendwelche Hintergrundgeräusche etc.

    Ist bis dato nur eine Theorie von mir. Was haltet Ihr, die Ihr vielleicht etwas erfahrener seid, davon?

  • Anderes Beispiel: In der Schule hatte ich mal eine Phase, wo ich mich gar nicht mehr getraut hatte mich zu "melden", und wenn mich die Lehrer mal was gefragt hatten, habe ich dann, vermutlich weil es mir so unangenehm war, nur noch was dahergenuschelt, leise und unverständlich.

    Diese Phase hatte ich in der Schule mehrere Jahre lang. Ich war praktisch "stumm".

    Auf der Arbeit sind wir in den täglichen Morgenmeetings, die online stattfinden, als ca. 15 Leute, und da gelingt es mir kaum, ins Gespräch reinzukommen, selbst bzw. gerade jetzt, nachdem ich die Leute schon bisserl kenne. Ich muss mich förmlich zwingen, da mal was zu sagen.

    Ich schaffe es beim Abteilungsmeeting auch kaum was zu sagen. Mir ist die Situation allgemein auch ziemlich unangenehm am Runden Tisch mit 10 oder mehr Leuten zu sitzen. Als wir mal letztes Jahr einen neuen Kollegen in der Abteilung hatten und sich beim Abteilungsmeeting jeder für ihn kurz vorstellen sollte und was von sich erzählen habe ich das noch viel mehr gespürt. Mir fiel es wirklich schwer was zu erzählen obwohl ich einfach nur von mir erzählen sollte. Dieses im Mittelpunkt stehen ist einfach nichts für mich.

  • Tirando Ja, das kenne ich auch. Teilweise sehr ähnlich zu den Beispielen, die Du beschreibst.

    Seitdem ich jetzt in einer größeren Firma arbeite, und wir dieses "Familienleben" nicht mehr haben, geht es mir viel besser. Man grüßt sich aufm Flur, redet mal auch übers Wetter, das war's dann aber auch

    Das kommt mir bekannt vor. Mein Arbeitsbereich wurde vor einigen Jahren umstrukturiert, so dass ich keine Team-Kollegen mehr vor Ort habe. Für mich sehr viel angenehmer so. Die Kollegen vor Ort gehören zu anderen Teams (= nur "Hallo" sagen), mit meinen Team-Kollegen halte ich Telefonkontakt (= mehr Abstand). So komme ich super klar.

    auf Messen, Kongressen etc. bin ich immer froh wenn ich alleine hinfahren kann und mir niemand über den Weg läuft, den ich kenne.

    Auch das ist mir vertraut. Wenn ich (vor Corona) mal zu Weiterbildungen fahren musste, bin ich so lange wie möglich "inkognito" geblieben. Oft reiste man am Vorabend an, und da waren dann schon Kollegen aus anderen Bundesländern, die sich zum Abendessen zusammenfanden. Ich hab mich immer erst mit Beginn der Weiterbildung als Kollegin zu erkennen gegeben, damit ich möglichst lange unbehelligt bleibe. Und zum Frühstück ging ich immer schon um 6 Uhr, damit ich keinen treffe und meine Ruhe habe.

    Bei dem "mittelgut" kennen ist für mich die Schwierigkeit, authentisch zu bleiben und möglichst nicht so viel zu maskieren. Anpassen kann ich mich ganz gut, will das aber eigentlich nicht mehr. Und bei "mittelguten" Kontakten kann ich schwer einschätzen, wie viel von mir ich dem anderen zumuten kann.

  • Bei dem "mittelgut" kennen ist für mich die Schwierigkeit, authentisch zu bleiben und möglichst nicht so viel zu maskieren. Anpassen kann ich mich ganz gut, will das aber eigentlich nicht mehr. Und bei "mittelguten" Kontakten kann ich schwer einschätzen, wie viel von mir ich dem anderen zumuten kann.

    Für mich stellt sich immer die Frage, ob das Maskieren, oder ob das authentisch-sein bei "mittelguten" Kontakten besser ankommt (in dem Sinne, dass diese auch weiterhin mit mir Kontakt halten wollen). Bzw., wie Du schon sagst, ist es gar nicht leicht, das Maskieren bleiben zu lassen, wenn man es mal angefangen hat. Vielleicht macht gerade das den Kontaktaufbau für mich so schwierig? Weil die Leute nicht damit klarkommen, es dann plötzlich bzw. sukzessive mit dem unmaskierten Tirando zu tun zu haben (zu müssen).

    Seit dem ich mich mit Autismus beschäftige (hauptsächlich über die Literatur und jetzt auch über dieses Forum), bekomme ich es immer wieder mit der Aussage zu tun, dass man das Maskieren besser früher als später bleiben lassen soll. Allerdings würde das in meinem Fall bedeuten, dass ich dann sehr zurückhaltend sein würde, insbesondere dann wenn ich es mit "schwierigen" Situationen zu tun hätte, wie es oft der Fall ist, wenn man mit mittelguten bekannten Leuten in Kontakt tritt (mehrere Leute auf einmal, Hintergrundgeräusche). Bzw. eigentlich bin ich das schon zu allermeist; wenn ich dann aber mal was sage, maskiere ich dann auch, halt aus Angst, dass ich zu deviant wirken könnte, wenn ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist.

    Das Loslassen vom Maskieren ist halt auch deswegen nicht einfach, weil ich es schon mein ganzes Leben so betrieben habe. Jemand, der schon von Kindheit weiß, dass er autistisch ist, sich also viel klarer darüber ist, wie er tickt (evt. unterstützt durch entsprechend kompetenten Support), und dann noch gleichzeitig (so wie ich) hochfunktional unterwegs ist (was man früher mal "Asperger" nannte), hat es da vermutlich leichter. Ich kenne auch Autisten, die diagnostiziert und "geoutet" sind (in dem Sinne, dass sie zu ihrem Autismus stehen und da auch keinen Hehl draus machen), die sehr erfolgreich mit Kontakten bzw. zwischenmenschlichen Situationen sind.

  • Jemand, der schon von Kindheit weiß, dass er autistisch ist, sich also viel klarer darüber ist, wie er tickt (evt. unterstützt durch entsprechend kompetenten Support), und dann noch gleichzeitig (so wie ich) hochfunktional unterwegs ist (was man früher mal "Asperger" nannte), hat es da vermutlich leichter.

    Das halte ich für eine gewagte These, dass diese Menschen es leichter haben. Denn das aktuelle gesellschaftliche Ziel ist immer, bei fast allen Maßnahmen, gesellschaftliche Anpassung. Es beginnen dann viel früher Maßnahmen, um Anpassung (zB an das Schul- oder Arbeitsmarksystem) zu erwirken.

    Display Spoiler

    Auf der Suche nach Alternativen zum alten Forum bin ich in viele Autismus-Gruppen oder Foren reingegangen. Unter Anderem auch in einer Gruppe, wo überwiegend Eltern mit Kindern zwischen 2 und 25 Jahren über ihre Alltagpsrobleme Erfahrungen austauschen. Diese früh diagnostizierten Kinder erleiden aktuell so viel Anpassungsdruck, werden mit Neuroleptika ruhiggestellt und haben an jedem Tag der Woche eine andere "Behandlung", von Logopädie, Erotherapie, Autsmustherapie, Neurofeedback und sonstigen Interventionen. Wenn sie nicht händelbar sind, kommen sie stationär in die Psychiatrie. Also Anpassung (in Form von Masking) wird schon bei Kindern, die ja besonders vulnerabel sind, trotz und wegen Autismus belohnt, gefördert und gefordert. Ich weiß nicht, ob es vor 10 oder 20 Jahren anders war (vor der Inklusionskampagne), und ob früh diagnostiezierte Autisten es da besser hatten. Der "entsprechend kompetente Support" ist nirgends verfügbar, sogar als Selbstzahler muss man ewige Wartezeiten inkauf nehmen. Das beginnt mit 1:1 Schulbegleitungen, die überall gestrichen werden, Mobbing auf Spielplatz und in der Kita/Schule. Selbst wenn die Eltern einfühlsam und progressiv mit ihren Kindern umgehen, ecken sie überall an, in der Nachbaschaft, beim Jugendamt, bei Ärzten, bei den eltern von Mitschülern sowie Lehrern. Sie haben ihren ganz eigenen Spießrutenlauf zu bewerkstelligen und eine gesunde Akzeptanz und Rücksichtnahme scheint weiter entfernt als je zuvor. Da bin ich ehrlich gesagt froh, dass ich nicht so früh pathologisiert wurde und mit Masking einigermaßen durch Kindheit, Jugend und Ausbildung gekommen bin, ohne dass fremde Autoritäten dauernd an mir und meinen Innenleben gezerrt haben.

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