Bewusste Kategorisierung von unerwünschtem Verhalten anderer zur besseren Verarbeitung

  • Ich hatte heute ein interessantes Gespräch mit meinem Therapeuten und würde das gerne mit euch teilen. Das Thema war, dass ich sehr oft und sehr schnell frustriert bin, wenn Menschen etwas tun was ich nicht nachvollziehen kann oder einfach anders machen als ich das für richtig halte. Dementsprechend ist es für mich auch kaum auszuhalten in einem Team gemeinsam an einem Thema zu arbeiten.

    Teilweise beschäftigt mich die Frustrierung dann wirklich Tage.

    Beispiele:

    • Über die Bahnschienen rennen um den Weg abzukürzen
    • Müll in die Umwelt werfen
    • Zu schnell fahren, nicht blinken, zu dicht auffahren
    • In Besprechungen am Thema vorbeireden unlogisch argumentieren, Nebenthemen eröffnen
    • Das Licht anlassen obwohl nicht benötigt

    Die Liste könnte ich jetzt ewig weiter fortführen, aber ich denke man bekommt einen groben Eindruck,

    Ich habe festgestellt, dass ich eine Art Kategorisierung des Verhaltens im Gehirn brauche, um solche Erlebnisse verarbeiten zu können. Ich erkläre mir das Verhalten dann mit folgenden Kategorien, wobei für jeden Fall auch mehrere Kategorien zutreffend sein können:

    • Aufmerksamkeitsdefizit
    • Unwissenheit
    • Verminderte Intelligenz
    • Abweichende Rsikobereitsschaft
    • Vorsatz
    • Bequemlichkeit

    Die Liste ist noch am wachsen und wenn ich mir nicht alles merken kann, werde ich ggf. eine Liste mit mir führen müssen.

    Kann irgendjemand dieses Vorgehen nachvollziehen? Ich komme mir ein bisschen doof vor, aber es hilft mir auch die Dinge besser einzuordnen. 😀

  • Ich habe festgestellt, dass ich eine Art Kategorisierung des Verhaltens im Gehirn brauche, um solche Erlebnisse verarbeiten zu können. Ich erkläre mir das Verhalten dann mit folgenden Kategorien

    Ich glaube, es ist normal, dass man Erklärungen sucht. Das mache ich auch, wenn mich etwas ärgert. Bis zu einem gewissen Grad muss man das ja auch, wenn man z.B. das Verhalten anderer verstehen will.

    Aber ich finde es trotzdem auch wichtig, dass man nicht zu schnell negativ über andere denkt, sondern vielleicht eher wohlwollende Erklärungen findet oder einfach akzeptiert, dass andere Leute Dinge anders machen als man selbst. Es muss ja nicht immer schlimm sein, jeder macht mal Fehler oder verhält sich blöd. Also mehr in die Richtung "fünfe grade sein lassen" auch wenn man weiß, dass die 5 nicht gerade ist.

    Der Kollege, der mich an meinem ersten Arbeitsplatz eingelernt hat, sagte, dass man, wenn man für andere Kollegen Vertretung macht, immer feststellen wird, dass sie einige Dinge anders machen als man selbst. Das sei aber nicht schlimm und würde nicht bedeuten, dass diese Kollegen etwas falsch machen, es sei eben nur anders. Viele Wege führen nach Rom oder so ähnlich.

    Bei eindeutigen Regelverstößen kann das anders aussehen, oder auch wenn man selbst wegen einem anderen Nachteile hat. Ich würde aber abwägen, ob sich die Aufregung lohnt. Am besten achtet man darauf, dass man selbst nicht zu viele negativen Gefühle hat. Mit mehr Milde anderen gegenüber tut man gleichzeitig auch was für sich selbst.

    Dazu kommt, dass man eventuell besonders schnell negativ über andere urteilt, wenn man selbst unsicher ist und sozusagen auf diesem Weg unbewusst sein Ego stärken will. Wenn man das bemerkt, sollte man besser schauen, wie man mehr Selbstbewusstsein bekommt. Also am besten mal checken, ob man sein Ego pusht durch Abwerten anderer oder ob es wirklich nur darum geht, zu verstehen und einzuordnen.

    Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.
    (Timothy Snyders „Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand“)

  • Ich würde mich sehr gerne nicht ärgern und "Fünf gerade sein lassen", das kannst du mir glauben.

    Ich finde oft hat die Natur Nachteile, oder die Tiere. Wenn der Zug die Person erwischt hat der Lokführer die Nachteile. Bei zu schnellem fahren erhöht sich das Risiko und andere Verkehrsteilnehmer haben Nachteile. Wir müssen Ressourcen sparen, weil diese begrenzt sind, warum dann das Licht anlassen, wenn es nicht benötigt wird? Da haben vielleicht die zukünftigen Generationen Nachteile.

    Das ärgert mich. Es kommt mir rücksichtlos vor. Ich kann nicht verstehen, dass man da drüber weg sieht, bewusst oder unbewusst.

    Ich glaube ich hab kein Ego-Problem oder will andere schlkecht machen oder veruerteilen. Ich habe irgendwie einen Problem andere Sichtweisen als meine nachzuvollziehen und zu akzeptieren.

    Und zu dem Thema mit den Arbeitskollegen:

    Wenn ich Beteiligter einer Besprechung bin und wir gemeinsam dafür bezahlt werden ein Problem zu lösen, dann wünsche ich mir, dass wir zielgerichtet daran arbeiten.

    Edited once, last by Julian (August 4, 2026 at 6:32 PM).

  • Ich habe sehr ähnliche Erfahrungen, auch ich neige zu sehr ähnlichen Kategorien zum Einordnen solcher ‚Aktionen‘, wie Müll in die Gegend werfen etc.
    Und auf der Arbeit ist meine Erfahrung, dass es den wenigsten um zielgerichtete Arbeit geht, zumindest kann ich nicht erkennen, dass sie auf das gesetzte Ziel der Arbeit hinarbeiten, eher Zeit schinden und sich profilieren.

    Ich kann Dein Vorgehen nachvollziehen!

    Dum spiro, spero, sed realitatem agnosco.

  • Man kann seine Standards nicht einfach auf jeden anderen Menschen übertragen. Tut man das und regt sich permanent über andere auf, schadet man letztendlich nur sich selber, weil man Stress hat damit. Ich versuche meinen Fokus lieber auf positive Dinge zu richten.

    Für das Gras ist das Zebra das Monster nicht der Löwe.
    (frei nach einem afrikanischem Sprichwort)

  • Meine Mitmenschenerfahrung ist, es gibt auch die Möglichkeit, daß Menschen an etwas erinnert werden, was sie mal schlimmes und negatives erlebten, was sie nie losließ.
    Irgendetwas (das können ganz banal und nebensächliche Dinge sein) erinnert die heutige Person an etwas und dann wird ein innerer Ablauf losgetreten, der zeitversetzt in die Vergangenheit dieser Person gehört.

    Ich denke, das kann bis zum Todschlag führen, so ein verirrtes Gefühl, quasi ein untotes Erleben.
    Wie ein Schlafwandler handeln sie und sind fest davon überzeugt, im Hier und Heute zu denken, fühlen und handeln.
    Und alles bestätigt sich in einem Fort 'wie' von selbst.

    Und das ganze im normal Üblichen, es fällt nur allgemein nicht auf, weil das eben im Verborgenen abläuft.

  • Das Thema war, dass ich sehr oft und sehr schnell frustriert bin, wenn Menschen etwas tun was ich nicht nachvollziehen kann oder einfach anders machen als ich das für richtig halte. ...

    Teilweise beschäftigt mich die Frustrierung dann wirklich Tage.

    ...

    Ich habe festgestellt, dass ich eine Art Kategorisierung des Verhaltens im Gehirn brauche, um solche Erlebnisse verarbeiten zu können.

    ...es hilft mir auch die Dinge besser einzuordnen. 😀

    Mich interessiert: Wenn du das Verhalten der anderen Menschen dann den Kategorien zugeordnet und damit eingeordnet hast, wird dadurch dein Frust dann geringer?

  • Ich kategorisiere nicht, aber es gibt Dinge, die mich vor allem an Deutschland stören.

    Als ich in Taiwan war, waren die meisten Leute respektvoll, ruhig und freundlich. Die Leute werfen ihren Müll nicht auf den Boden, die Züge kommen pünktlich, es gibt kein Gedrängel und die Leute stehen innerhalb der Markierungen. In der Bahn oder auf dem Gleis darf nicht gegessen werfen und die Kriminalitätsrate ist insgesamt sehr gering. Man kann seinen Laptop eine Nacht lange draußen stehen lassen und es wird nichts geklaut, während in Deutschland das abgestellte Fahrrad nach 5 Stunden "weg" ist. Da nichts "spannendes" passiert kommt man schon ins lokale Fernsehen, wenn man sich nicht an kleine Regeln hält und z.B in der Bahn isst.

    Was mir auch gefallen hatte war, dass die Ampeln immer eine Sekundenanzeige hatten, sodass man wusste wie viele Sekunden bis zum Lichtwechsel übrig blieben und, dass die Sitze der Züge immer in Fahrtrichtung orientiert waren, sodass man nie rückwärts fahren musste und eben alles pünktlich war.

    Ich mag solche Vorhersehbarkeiten und es reduziert die Reizüberflutung.

    Da ich selber ein Handicap für Menschen bin, die sich mit mir "abgeben" und ich auch denke, dass Menschen mein Verhalten nicht nachvollziehen können, wünsche ich mir gegenseitiges Verständnis und ein respektvolles Miteinander.

  • Der Kollege, der mich an meinem ersten Arbeitsplatz eingelernt hat, sagte, dass man, wenn man für andere Kollegen Vertretung macht, immer feststellen wird, dass sie einige Dinge anders machen als man selbst. Das sei aber nicht schlimm und würde nicht bedeuten, dass diese Kollegen etwas falsch machen, es sei eben nur anders. Viele Wege führen nach Rom oder so ähnlich.

    Ich habe kein Problem damit, dass jemand mal was anders macht aber schwierig wird es für mich wenn die Person andauernd Fehler macht. Andere Menschen scheinen auch ein Problem damit zu haben wenn man sie auf Fehler anspricht und nehmen es persönlich dabei geht es mir wirklich nur um die Fehlervermeidung. Wenn ich Urlaubsvertretung mache gehe ich ganz anders ran als meine Kollegen. Denen fehlt ein gewisser Blick auf die Dinge, den ich habe aber sie selbst nicht. Der Fokus liegt bei denen aber auch woanders. Wenn sie im Büro sind plaudern sie gerne und beschweren sich dann aber wiederum, dass die Arbeit so viel ist aber wenn sie die Stunden an plaudern weglassen würden dann würden sie locker in der Zeit durchkommen.

  • Mich interessiert: Wenn du das Verhalten der anderen Menschen dann den Kategorien zugeordnet und damit eingeordnet hast, wird dadurch dein Frust dann geringer?

    Das ist eine sehr gute Frage und ich weiß es noch nicht. Es muss es jetzt mal testen.

    Kann auch sein, dass ich einfach meinen Alltagsstress irgendwie reduzieren muss um "Verträglicher" zu werden. Denn klar ist, je mehr ich Stress habe und vom Alltag überfordert bin, desto schlimmer wird dieses ganze Phänomen.


    Ich mag solche Vorhersehbarkeiten und es reduziert die Reizüberflutung.

    Ja, das trifft es sehr gut und genau das mag ich auch und würde mir sehr helfen. Vielleicht bin ich auch deshalb beispielweise so an Japan interessiert 😊.

    Da ich selber ein Handicap für Menschen bin, die sich mit mir "abgeben" und ich auch denke, dass Menschen mein Verhalten nicht nachvollziehen können, wünsche ich mir gegenseitiges Verständnis und ein respektvolles Miteinander.

    Das wünsche ich mir auch und ich wünsche mir, dass auch ich mehr Verständnis aufbringen kann.


    Wenn ich Urlaubsvertretung mache gehe ich ganz anders ran als meine Kollegen. Denen fehlt ein gewisser Blick auf die Dinge, den ich habe aber sie selbst nicht. Der Fokus liegt bei denen aber auch woanders. Wenn sie im Büro sind plaudern sie gerne und beschweren sich dann aber wiederum, dass die Arbeit so viel ist aber wenn sie die Stunden an plaudern weglassen würden dann würden sie locker in der Zeit durchkommen.

    Oh ja, damit trifft du es sehr gut. Genau das regt mich auch sehr auf.

    Edited 2 times, last by Julian: Ein Beitrag von Julian mit diesem Beitrag zusammengefügt. (August 5, 2026 at 8:37 AM).

  • Eine Orthopädin (!) gab mal den Rat für einen entspannteren Umgang mit solchen Situationen einfach zu denken: "Naja, vielleicht hat er/sie ja akuten Durchfall". Mit hilft's tatsächlich und muss immer ein bisschen schmunzeln.

  • Wenn man einfach durch eine Situation hindurch kommen will, kann das hilfreich sein, aber man sollte sich doch auch bewusst sein, dass solche Glaubenssätze wirkliches Verstehen verhindern. Also würde ich sowas vor allem anwenden, wenn ich den anderen sowieso nicht verstehen will oder kann.

    Was soll ich denn denken, wenn jemand im Zug ohne Kopfhörer Musik hört? Die Person ist halt so ängstlich, dass sie überall so tun muss, als wäre sie Zuhause? ;)

    Bisher mache ich sowas eher nicht. Ich hielt es für ein Zeichen meiner Detailliebe, dass ich versuche, jede Person für sich zu verstehen.

  • … Ich hielt es für ein Zeichen meiner Detailliebe, dass ich versuche, jede Person für sich zu verstehen.

    Das hat mit Blick für Details nichts zu tun, das ist eher was in Richtung Neugier oder Harmonie. Je nachdem in welcher Beziehung man zueinander steht.

  • je mehr ich Stress habe und vom Alltag überfordert bin, desto schlimmer wird dieses ganze Phänomen.

    weil es dir zusätzlichen Stress macht und aller Stress zusammen dann deine Grenzen früher übersteigt?

  • Was soll ich denn denken, wenn jemand im Zug ohne Kopfhörer Musik hört? Die Person ist halt so ängstlich, dass sie überall so tun muss, als wäre sie Zuhause? ;)


    Check ich nicht. xD


    Ich habe immer meine Kopfhörer auf, selbst zu Hause und meine Eltern meinen die sind angewachsen lol. 😄

  • Das hat mit Blick für Details nichts zu tun, das ist eher was in Richtung Neugier oder Harmonie. Je nachdem in welcher Beziehung man zueinander steht.


    Ich bin jetzt noch nicht überzeugt, dass das was ich mache nichts mit Blick für Detail zu tun hat. Für Harmonie mache ich etwas anderes, da denke ich mir, der andere wird schon seine guten Gründe haben. Da brauche ich gar keine konkrete Erklärung. Mir gefällt diese Lösung besser, weil ich mich so nicht in falschen Annahmen verhedere.


    Check ich nicht. xD


    Ich habe immer meine Kopfhörer auf, selbst zu Hause und meine Eltern meinen die sind angewachsen lol. 😄


    Darum kann das ja auch nur meine Erklärung sein. ;-) So dermassen stark mag ich das Gefühl von Kopfhörern auch wieder nicht, dass ich die ständig anhaben möchte.

  • … Für Harmonie mache ich etwas anderes, da denke ich mir, der andere wird schon seine guten Gründe haben. Da brauche ich gar keine konkrete Erklärung. …

    Detailliebe bezieht sich auf Sachebenen - die Haarstruktur der Person, die Farbe der Jacke, etc.
    Verhalten begreifen wollen ist ein psychologisches Phänomen.

    Julian Hast du dich mal mit Ambiguitätstoleranz beschäftigt?

  • Detailliebe bezieht sich auf Sachebenen - die Haarstruktur der Person, die Farbe der Jacke, etc.
    Verhalten begreifen wollen ist ein psychologisches Phänomen.


    Ich halte es bis jetzt für eine Denkweise, unabhängig vom konkreten Problem: https://www.autsocial.de/faq/was-ist-autistisches-denken/

    Es ist hier komplett OT, aber falls Du einen link hast, der deine Darlegung erklärt, würde mich das interessieren.

  • Ich halte es bis jetzt für eine Denkweise, unabhängig vom konkreten Problem: https://www.autsocial.de/faq/was-ist-autistisches-denken/

    Es ist hier komplett OT, aber falls Du einen link hast, der deine Darlegung erklärt, würde mich das interessieren.

    Detailliebe an sich ist nicht gleichzusetzen mit autistischer Denkweise.

    Erklärungen kannst du dir sicher selbst erarbeiten. (Nach Definitionen suchen zB)
    Sachebenen (aufs Detail achten) und psychologische Ebenen (komplexe Verhaltensanalyse mit Kontextbezug) vermischen widerspricht sich meines Erachtens.

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