Soziales Modell Vs Medizinisches Modell von Behinderungen, Autistic Pride vs Autism Speaks

  • Soziales Modell von Behinderungen Vs Medizinisches Modell von Behinderungen

    Autistic Pride Vs Autism Speaks

    Neurodivistätsbewegung Vs ABA (Applied Behaviour Analysis)

    Mir geht es um Meinungen, Anpassung an NT, ja oder nein, wie Autistisch wollt ihr bleiben oder nicht, etc. Wie steht Ihr zu Eurem Autismus (Bereicherung oder Defizit oder alles dazwischen).

    Unter Autist*Innen herrschen verschiedene Strömungen und verschiedene individuelle Meinungen vor:

    • Radikale Anpassung an die Neuro-Typische Mehrheitsgesellschaft
    • Radikales Verbleiben im eigenen Autismus
    • Graustufen und Mittelweg dazwischen in unterschiedlichen Schattierungen

      Als Beispiele seien hier genannt, das Soziale Modell von Behinderungen (Wikipedia) https://de.wikipedia.org/wiki/Soziales_…von_Behinderung oder die Neurodivistätsbewegung (Wikipedia) https://de.wikipedia.org/wiki/Neurodiversit%C3%A4tsbewegung und Autistic Pride https://de.wikipedia.org/wiki/Autistic_Pride_Day

      Diese Ausrichtungen befürworten die Auffassung, daß Asperger-Autismus lediglich divers sei. Eine andere Art zu Leben, und erwartet Anpassung auch seitens der Mainstream-Gesellschaft. Diese würde Menschen mit Behinderungen benachteiligen, nicht ausreichend berücksichtigen.

      Die Gegenseite, das Medizinische Modell von Behinderungen (Wikipedia) https://de.wikipedia.org/wiki/Medizinis…von_Behinderung Institutionen wie Autism Speaks (Wikipedia) https://de.wikipedia.org/wiki/Autism_Speaks und die Therapie-Form ABA (Applied Behaviour Analysis) https://de.wikipedia.org/wiki/Applied_Behavior_Analysis Hier wird die Auffassung vertreten, daß Autismus eine defizitäre Störung und ein Leiden ist, daß beim Autisten/der Autistin alleine liegt. Es könne abgemildert werden durch Anpassung an die NT-Gesellschaft, soweit wie möglich, diese Leistungen müsse jedoch die/der Autist*In alleine erbringen.

      Ich teile den Standpunkt, daß über 90 % der Menschen Neuro-Typisch sind, und davon über 90 % niemals Kontakt oder Berührungspunkte zu Autisten/Innen haben. Eine Anpassung an Autist*Innen von dieser großen Gruppe zu verlangen, wäre vermessen. Viele NT haben noch nicht mal von Autismus gehört. Oder sie haben zumindest keine Vorstellungen von Autismus.

      Bildlicher Vergleich; wenn ein Chinese nach Deutschland einwandert, ist es sinnvoller, daß alle Deutschen Chinesisch lernen müssen, oder wäre es nicht doch sinnvoller, wenn der Chinese deutsch lernt 🤔

      Jede/r Autist*In hat immer noch die Gelegenheit, in ihrer/seiner autistischen Bubble zu verbleiben. Die eigene Wohnung, man darf alleine sein, ansonsten Autisten-Vereine und SHG, online Foren für Aspies wie dieses hier, zum Beispiel für Spezial-Interessen. Der Kontakt zur NT Welt beschränkt sich bei erwerbsunfähigen Aspies manchmal auf den Gang zum Supermarkt, mit vorhersehbarer Kommunikation. "Das kostet 3,30 Euro". "Danke", "schönes Wochenende", "Auf Wiedersehen" etc. pp. Was mich zum nächsten Punkt bringt, ein/e Autist*In, die oder der nicht arbeitsfähig ist, kann vom Sozialamt finanziert werden. Mit Zusatzleistungen wie ABW (Ambulant Betreutes Wohnen), Sozialarbeiter *Innen unterstützen Aspies bei Behördengängen etc. pp.

      Möchte man sich aber freiwillig bestmöglich in die NT Gesellschaft integrieren, sollte man bestmöglich deren Regeln erlernen und einhalten. Kein Monologisieren, keine Rechthaberei, keine SI gegenüber NT, Gestik/Mimik erlernen etc. und Gegenleistung erbringen, wenn man Freundeskreis und Partnerschaft haben möchte, Zeit investieren, offen und flexibel sein.

  • Ich suche noch nach einem sinnvollen Weg. Ein Mittelweg zwischen beiden Positionen.

    ABA und dergleichen lehne ich klar ab. Aber auch die Einstellung, dass ASS grundsätzlich keine Einschränkung oder Behinderung sei.

    Das Erstere versucht Autist*innen oft mit Gewalt in die NT-Welt zu pressen. Mit fatalen Folgen für deren psychische Gesundheit. Letzteres verliert die jenigen aus dem Blick, die mehr Unterstützung benötigen.

    In einer anderen Gesellschaftsstrukur wäre das sogenannte "Asperger-Syndrom" (ich weiß dass das ein veralteter und problembehafteter Begriff ist) vielleicht keine Einschränkung. In dieser, in der wir nun einmal alle leben (müssen) eben schon.

    "Der Mensch ist gut - trotz allem" Erich Maria Remarque

  • Andrea1989 es liegt natürlich am Schweregrad des Autismus (Level), und ob eine Geistige Behinderung und in welcher Stärke vorliegt, ob es sich gegebenenfalls sogar um Nonverbale Autist*Innen handelt, die nie sprechen lernen konnten. Oder Kanner-Autist*Innen etc.

    Manche stark betroffenen Autit*Innen können nur in Heimen leben, unter ständiger Aufsicht des Pflegepersonals, sie benötigen Hilfestellung beim Essen und beim Toilettengang.

    All das berücksichtigt, zeigt auf, welche Möglichkeiten die/der Autist *In überhaupt hat oder eben nicht hat.

    Aspies mit weniger starken Einschränkungen können ihren Weg als Erwachsene selbst wählen.

    Edited once, last by Hannoveraner (July 31, 2026 at 11:07 AM).

  • Ich suche noch nach einem sinnvollen Weg. Ein Mittelweg zwischen beiden Positionen.

    Ich auch, aber das ist halt so vielen kontextabhängigen Schwankungen unterworfen, dass es nicht „den einen“ Weg geben kann. Daher übe ich jetzt eher Ambiguitätstoleranz zu sehen.

    Eine genrelle Ablehnung der ABA-Therapie oder entwicklungstheoretischer Ansätze halte ich für falsch. Diese Therapieformen und Ansätze entwickeln sich ja auch weiter.

    Ich habe da vor kurzem mit dem Psychologen aus der Autismustherapie drüber gesprochen. Heutzutage wird viel mehr und früher darauf geachtet die Selbstwirksamkeit zu stärken. Es wird mit dem betroffenen Menschen zusammen auf die individuellen Ressourcen, Bedürfnisse und Wünsche geschaut und darauf aufbauend werden Ziele gesteckt, erarbeitet, evaluiert und angepasst.

    Es ist noch nicht allzu lange her, dass man überzeugt davon war, Gewalt in der Kindererziehung sei notwendig und förderlich. Auch da fand und findet ein Umdenken statt. Für diese Art von Entwicklung und Veränderung finden sich unzählige Beispiele.


  • Hier wird die Auffassung vertreten, daß Autismus eine defizitäre Störung und ein Leiden ist, daß beim Autisten/der Autistin alleine liegt.

    Ich glaube nicht, dass diese Sichtweise tatsächlich in der extremen Form vertreten wird, weder von Therapieanbietern noch von Ärzten. Schon länger geht man davon aus, dass es eine Wechselwirkung zwischen bestimmten Einschränkungen und der Umwelt gibt, und dass beides zur Behinderung beiträgt. Also nicht entweder-oder, sondern sowohl-als auch. Etwas klarer finde ich es allerdings bei körperlichen Behinderungen. In einer Welt mit Treppen hat ein Rollstuhlfahrer ein Problem, das mit Rampen oder Aufzügen gelöst werden kann. Rollstuhlfahrer bleibt er aber trotzdem, das Laufen ist ihm weiterhin nicht möglich, das ist eine Eigenschaft, die unabhängig von der Umwelt bestehen bleibt. Ohne Rampen und Aufzüge würden zusätzliche EInschränkungen dazukommen zu der bestehenden Einschränkung, nicht laufen zu können.

    Display Spoiler

    Ich wiederhole mich, deshalb im Spoiler. Das Neurodiversitätsmodell ist aus meiner Sicht wenig sinnvoll, und es ändert auch überhaupt nichts. Man hat auf der einen Seite die Mehrheit, die nichtautistisch ist und daher statistisch die Norm darstellt, und auf der anderen Seite eine kleinere Gruppe, die abweicht, in unterschiedlichen Graden, im Prinzip wohl mit fließendem Übergang. Erst ab einem ausreichenden Grad von Abweichung macht es Sinn, eine Gruppe separat zu bezeichnen, also z.B. als neurodivergent. Es ist aus meiner Sicht völlig egal, ob man es Behinderung nennt, Neurodivergenz oder Krankheit. Es ist immer aufgrund der Natur der Sache notwendig, eine Unterscheidung zu treffen zwischen Norm und Abweichung. Warum? Weil die, die abweichen, Unterstützung brauchen und das muss man ja begründen. Es bringt Leidensdruck mit sich, wenn man deutlich abweicht. Ich finde es auch kurzsichtig zu sagen, alles sei nur der Umwelt wegen. Die Umwelt ist für alle gleich, und wenn dann 99% damit klarkommen und 1% nicht, dann drängt sich für mich nicht die Annahme auf, dass es allein an der Umwelt oder den 99% liegen könnte. Ich denke, dass auch Asperger/HFA immer eine Einschränkung ist, egal in welcher Zeitepoche, egal in welcher Gesellschaft.

    Innerhalb der 99% gibt es ja aber auch schon genug Unterschiede, die sind auch nicht alle gleich. Und ich denke, wenn man keine krankheitswertigen Einschränkungen hat, dann braucht man auch keine Diagnose, sondern kann einer der vielen unterschiedlichen 99% sein.

    Bildlicher Vergleich; wenn ein Chinese nach Deutschland einwandert, ist es sinnvoller, daß alle Deutschen Chinesisch lernen müssen, oder wäre es nicht doch sinnvoller, wenn der Chinese deutsch lernt

    Ich denke auch, dass man als Autist den größeren Teil der Anpassung selber leisten muss. Das macht man eigentlich auch im eigenen Interesse, und vieles ergibt sich schon durch Dinge wie Höflichkeit und Rücksichtnahme anderen gegenüber. Aber man kann durchaus auch selbst um Rücksichtnahme bitten oder hat vielleicht sogar manchmal Anspruch auf einen Nachteilsausgleich, also auch eine Anpassung der Umwelt an sich selbst. Wenn man sich mit seiner Diagnose outet, so kann es für andere verständlich werden, dass man bestimmte Anpassungen braucht oder bestimmte Dinge nicht tun kann. Gerade in der Arbeitswelt kann das wertvoll sein, aber auch im Privatleben.

    Dafür ist es aber aus meiner Sicht auch zwingend notwendig, dass Diagnosen ernstzunehmende Diagnosen bleiben, damit das Verständnis da ist, dass es eben nicht "nur ein bisschen anders sein" bedeutet, wenn man Autist ist. Das Verharmlosen und wenn Diagnosen ungefähr die Bedeutung eines Sternzeichens haben ("hey, du bist auch Wassermann? Hast du auch so Probleme mit der Hitze? Wassermänner mögen's gerne kühl, oder?"), halte ich für schädlich für diejenigen, die Hilfe brauchen. Ich meine, um im Bild zu bleiben, es gibt viele Menschen, die es lieber kühl mögen, dafür muss man kein Wassermann sein. Und wenn das das einzige Problem ist...

    Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.
    (Timothy Snyders „Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand“)

  • Shenya ich habe bewußt etwas überspitzt. Natürlich gibt es in der Aspie Community die gemäßigte Mitte oder auch extremere Ränder. Je nach Sichtweise (Toleranz) seitens der Aspies gegenüber der NT Community, mag auch auf die Stärke/Schwäche des Symptoms und persönliche Erfahrungen mit NT zurück zu führen sein (Manche Aspies haben Probleme mit dem Licht im Supermarkt, andere nicht, ich nicht, manche haben mehr, andere weniger Mobbing in NT Schulen erlebt, manche können besser, andere gar nicht maskieren, und, und, und... das spielt alles in die persönliche Meinung über NT mit rein).

    Punkt 2, seine Spezial-Interessen mag man >> Bereicherung

    Während man zum Beispiel in Menschenmengen nervös wird >> Handicap

    Je nach Einzelfall ist Autismus also unterschiedlich zu bewerten.

    Punkt 3 Das Gehirn und das Innenleben (Phobien, Kontrollzwänge etc.) sind nur im Kopf des Aspies vorhanden und nicht durch NT verursacht.

    Punkt 3

    99% werden eher richtig liegen als 1 %.

    Neuro-Typische Menschen sind nicht ein "Brei" (RW) sondern 8 Milliarden Einzel-Individuen. Also Zustimmung hier.

    NT entgegen kommen; sie interessieren sich nicht für unsere Spezial-Interessen, deswegen in Ruhe lassen damit. Stattdessen versuchen, allgemeine unverfängliche Themen wie das Wetter für den Smalltalk anwenden. NT reden nicht wirklich über das Wetter, sie testen ab. Meckert jemand über schlechtes Wetter, wissen sie ihn/sie charakterlich einzuschätzen. Usw.

    Für unsere SI gibt es schließlich den Aspie Treff, also, hier austoben.

    Meine Mutter ist Wassermann (Februar) und sie hasst die Kälte und liebt den Sommer, insofern, stimmt es nicht immer. 😄

    Edited 2 times, last by Hannoveraner (July 31, 2026 at 2:03 PM).

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