Artikel: Neurodiversität und Autismus. Eine kritische Auseinandersetzung mit einem populären Konzept.

  • Fand es spannend, diesen Artikel zu lesen: Neurodiversität und Autismus: Eine kritische Auseinandersetzung mit einem populären Konzept: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie: Vol 0, No 0

    Also ich denke bei einigen Leser*innen wird das zu einem erhöhten Pulsschlag führen. Doch ich finde in dem Artikel werden wichtige Themen angesprochen. Z.B. ob es passend ist, wenn hochfunktionale Selbstvertreter*innen beanspruchen, Aussagen über alle Menschen im Autismusspektrum treffen zu können. Also auch über jene, die ggf. zusätzlich eine Intelligenzminderung haben. Und ob es da nicht besser wäre, anzuerkennen, dass möglicherweise deren Eltern oder andere Bezugspersonen besser beurteilen können, was diese Menschen brauchen und wollen. Ich finde den Artikel irgendwie mutig, denn bei den "weißen spätdiagnostizieren Erwachsenen", über die sie schreibt, macht die Autorin sich sicherlich nicht beliebt.

    Auch "Concept Creep" zu diskutieren finde ich wichtig. Ich bin oft froh, dass ich nicht in der Autismus-Diagnostik tätig bin. Denn ich fände es immer schwieriger, zu beurteilen, bei wem eine Autismusdiagnose gestellt werden sollte und bei wem nicht. Daher passt für mich, dass mein Metier eher ist, mit Menschen zu schauen, was ihnen gut tut, was ihnen hilft und Kraft gibt - jenseits der Frage wie der "Symptomkomplex", den die Menschen mitbringen, nun zu benennen ist.

    Gleichzeitig hoffe ich, dass der Artikel nicht Menschen verunsichert, die eh damit ringen, ob sie eine Autismusdiagnose zu recht erhalten haben. Manche Menschen können sich mit der Frage ja ganz schön aufreiben. Und oft habe ich den Eindruck, dass das die am intensivsten beschäftigt, die am kritischsten (sich selbst) hinterfragen und so gar nicht dem Personenkreis entsprechen, der in dem Artikel nicht so gut wegkommt.

    Edited 3 times, last by Sternenseglerin (July 19, 2026 at 10:55 PM).

  • Es gibt aber doch auch viele Level 3 Autist:innen und nonverbale Autist:innen, die sich pro Neurodiversität/Identity First Language/Anti ABA... äußern, Autismus als integralen Teil ihrer Identität sehen, z.B. Amy Sequenzia, Jordyn Zimmermann, Cal Montgomery, Naoki Higashida... Sicherlich gibt es Barrieren in der Neurodiversitätsbewegung und an deren Abbau sollten wir arbeiten, aber viele große Autismusforschungskongresse sind für noch weniger Autist:innen barrierearm zugänglich.

  • Und ob es da nicht besser wäre, anzuerkennen, dass möglicherweise deren Eltern oder andere Bezugspersonen besser beurteilen können, was diese Menschen brauchen und wollen.

    Oder auch die Autist:innen selbst. Es gibt auch einige "frühkindliche" Autist:innen, die keine oder nur eine geringe geistige Behinderung haben. Ich finde man sollte die Leute immer zuerst selbst fragen, was sie brauchen und wollen.

    "Der Mensch ist gut - trotz allem" Erich Maria Remarque

  • Und auch viele Personen mit geistiger Behinderung können sich äußern.

    Selbstverständlich, es gibt ja auch unterstützte Kommunikation. Heutzutage gibt es gute Programme für ein Tablet (ich arbeite mit einer nicht-sprechenden, leicht geistig behinderten Autistin, sie hat so eines).

    "Der Mensch ist gut - trotz allem" Erich Maria Remarque

  • Ich mags absolut nicht, wenn andere Autisten meinen, für alle Autisten sprechen zu müssen. Meistens beziehen die sich nämlich immer auf die leichter betroffenen Autisten oder sogar nur auf sich selbst und das ist für Leute wie mich dann nicht so toll. Das kann sogar richtig schädlich sein, weil man dann von Leuten wie mir zuviel erwartet und uns mehr zutraut, als wir wirklich können. Und ich krieg jedes mal die Krise, wenn das heißt, man soll auf die Stärken gucken. Das hilft mir nicht weiter. Ich hab keine besonderen Stärken. Für mich ist wichtig, dass meine Schwächen beachtet werden. Ich bin nunmal behindert und mein Leben wird doch auch nicht einfacher, wenn man meine Schwächen einfach ignoriert. Ich versteh auch nicht, was so schlimm daran ist, behindert zu sein. Ich würde mir echt wünschen, andere Autisten würden nicht immer meinen, für alle sprechen zu müssen.

    Die Welt braucht einfach nur viel mehr Glitzer und viel mehr Einhörner! ✨️🦄

  • Oder wenn es heisst, man müsse mal die Komfortzone verlassen und sich aufraffen. Wer das sagt, hat gar keine Ahnung, wo die Komfortzone des Gegenüber liegt und keine Lust sich damit auseinanderzusetzen, ob man nicht vielleicht doch schon arg weit außerhalb ist.

  • Ich denke grundsätzlich sollte jede*r gehört werden. Und gerade deshalb denke ich, dass es gut und wichtig ist, dass bei jenen, die sich nicht (gut) äußern können oder wollen auch andere Personen mit einbezogen werden, die für sie advokatorisch tätig werden.

    Vielleicht gälte es den Begriff "Selbstvertreter*in" zu definieren. Viele Menschen können ihre persönliche Meinung selbst vertreten (für/gegen Tempolimit auf der Autobahn, für/gegen kostenfreies Wassereis für jede*n, für/gegen Wohnheime etc.). Doch ich denke eine Schwierigkeit besteht darin, dass wenn Selbstvertreter*innen gehört werden (z.B. im Vorfeld von politischen Entscheidungen) oft implizit davon ausgegangen wird, dass diese für eine größere Anzahl an Menschen mit ähnlichen Betroffenheiten sprechen. Aber dazu muss ich diese zum einen kennen und zum anderen in der Lage sein, meine eigenen Ansichten zu relativieren. Also nur weil ich persönlich keine Eingliederungshilfe brauche wäre es unpassend zu sagen, dass ALLE Autist*innen keine Eingliederungshilfe brauchen. Ich bin mir nicht sicher, ob es allen Selbstvertreter*innen gut gelingt - wenn es der Kontext eigentlich notwendig macht - weg vom eigenen Wollen hin zu einer die Betroffenengruppe in ihrer Breite vertretenden Stimme zu finden.

    Weiter werden Urteile aufgrund von persönlichen Kenntnislagen getroffen. Vor 15 Jahren oder so habe ich eine Veranstaltung begleitet, in der Menschen mit Störungen der Intelligenzentwicklung ans Wählen herangeführt werden sollten, konkret bezogen auf eine anstehende Wahl. Um nicht zu beeinflussen durften wir nur die Wahlprogramme der Parteien vorstellen in der Version, die die jeweilige Partei in leichter Sprache zur Verfügung gestellt hat. Damals ging es bei der Wahl u.a. um den Ausbau einer Autobahn, was einerseits ein Naturschutzgebiet beeinträchtigte und andererseits für enorme Kosten sorgte. In dem Wahlprogramm einer Partei stand in etwa: "Wir wollen die Autobahn ausbauen. Dann kommt man schneller an sein Ziel." - Klingt ja ganz gut, aber es fehlten eben wesentliche Informationen und unsere Zielgruppe konnte sich alleine nicht zusätzliche Informationen beschaffen. Daher denke ich auch, dass umfangreicheres Wissen notwendig ist. Z.B. habe ich hier die Tage etwas gepostet zum Sonnenblumenband und inzwischen herausgefunden, dass die Initiative dahinter ein Monopol hat, Bedingungen stellt und dadurch den Institutionen, die das einführen wollen hohe Beträge in Rechnung gestellt werden. Würde nun also z.B. der ÖPNV bei mir vor Ort überlegen das einzuführen hätte ich vor paar Tagen noch gesagt "Ja warum nicht". Doch wenn dann vielleicht die Konsequenz ist, dass die Tarife erhöht werden müssen wegen der Zusatzkosten dann wäre das für mich eine andere Entscheidungsgrundlage. D.h. eigentlich brauchen zumindest Menschen, die für eine Gruppe sprechen, umfangreiche Kenntnisse und die Fähigkeit, Dinge gut einschätzen zu können.

    Daran schließt sich an, dass eine weitere Frage die des Kontextes und des persönlichen Erfahrungshorizontes ist. Z.B. kenne ich aus den USA Therapieformen, die unter ABA laufen, und die aus meiner Sicht ganz klar verboten gehören. Also wenn amerikanische Selbstvertreter*innen Erfahrungen mit ABA haben und die Abschaffung dieser konkreten "Therapie" fordern und das auch so formulieren finde ich es wichtig, dass diese Menschen gehört werden. Schwierig finde ich es, wenn in Deutschland hochfunktionale Selbstvertreter*innen, die keine Erfahrungen haben mit (deutschen) Therapieformen, die unter ABA fallen, die Abschaffung fordern. Das finde ich übergriffig. Und damit möchte ich mich nicht bezüglich ABA positionieren, sondern betonen, dass ich es für wichtig halte, zu kennen für oder gegen was man sich ausspricht UND zu dem Personenkreis zu gehören, den es betrifft. Denn wie sollte z.B. ein autistischer Mensch, der sich nicht gut äußern kann, mitteilen, dass er seine ABA-Behandlung hilfreich fand? Ich finde es hat etwas mit Respekt zu tun nicht für andere Menschen zu sprechen, wenn man deren Lebensrealitäten gar nicht kennt.

  • dass die Initiative dahinter ein Monopol hat, Bedingungen stellt und dadurch den Institutionen, die das einführen wollen hohe Beträge in Rechnung gestellt werden. Würde nun also z.B. der ÖPNV bei mir vor Ort überlegen das einzuführen hätte ich vor paar Tagen noch gesagt "Ja warum nicht". Doch wenn dann vielleicht die Konsequenz ist, dass die Tarife erhöht werden müssen wegen der Zusatzkosten dann wäre das für mich eine andere Entscheidungsgrundlage

    Es ist halt die Frage, was es für Bedingungen sind. Wenn jemand damit werben möchte (und es wird als Aushängeschild benutzt), dann finde ich es in Ordnung, wenn er dann auch verpflichtet wird, alle Mitarbeiter entsprechend zu schulen und die Bänder niedrigschwellig auszugeben. Sonst funktioniert es nicht. Für die Initiative wäre es fatal, wenn Unternehmen sich einfach so damit schmücken, ohne sich an den Kosten zu beteiligen. Wobei ich keine Ahnung habe, was die Mitarbiter da für Schulungen kriegen.
    Wenn aber darüberhinaus Bedingungen gestellt werden, die mit der ursprünglichen Idee nichts zu tun haben, dann ist das nicht mehr in Ordnung.

  • Ich bin da ehrlich zwiegespalten. Natürlich wäre es am besten, wenn jeder einzeln gehört werden würde. Aber praktisch funktioniert das ja gar nicht. Um Gehör zu finden, schließen sich ja eben Menschen in einer Gruppe zusammen. Aber man muss zwangsläufig davon ausgehen, dass es eine andere Gruppe gibt, die genau das Gegenteil will. Und auch, dass nicht jeder in der Gruppe mit allem einverstanden ist, was die Gruppe so will. Sieht man ja auch bei Parteien. Das Beispiel mit den Wahlprogrammen trifft es auf den Punkt. Nicht alle in einer Partei stehen zu 100% hinter dem Programm. Gleich gar nicht alle Wähler. Dazu kommen die ganzen Wähler, die die Folgen/Konsequenzen der einzelnen Punkte nicht sehen.

    Ich glaube, das Kernproblem ist, dass es für eine Gesellschaft insgesamt nur eine Regelung geben soll. Diese eine Regelung kann nicht auf jeden einzelnen passen. Sie passt in der Regel auf die Leute, die sich durchsetzen (können). Eben mit solchen Sätzen wie "Dann kommt man schneller an sein Ziel."

    Ich bin selbst weiß, erwachsen und spätdiagnostiziert. Den Artikel habe ich aber aus Elternsicht gelesen. Aber auch aus dieser Sichtweise heraus könnte ich mich nicht für eine Seite entscheiden. Fakt ist, dass man mit dem ganzen Leid konfrontiert ist und erstmal selbst für sich und sein Kind keine Lösung hat (um den Alltag funktionabel zu gestalten meine ich). Natürlich kennen Eltern ihre Kinder am besten. Trotzdem kann man auch offen sein für neue Wege. Ob ein Weg gut ist, weiß man eben erst, wenn man ihn gegangen ist. Danach kann man aber auch nicht einfach die Uhr zurück drehen und einen anderen Weg probieren. Also grundsätzlich finde ich es fast schon anmaßend, überhaupt einen Weg als "richtig" zu bezeichnen. Selbst wenn verschiedene Menschen ähnliche oder gleiche Probleme haben, können die Lösungen für jeden einzelnen dann doch recht unterschiedlich aussehen.

    Aber das Wissen darum hilft alles nix, weil die Gesellschaft nunmal so funktioniert. Du hast dieses Problem? Hier ist die Lösung! Dann kommt eine Gruppe, die sagt, es soll anders gemacht werden. Und dann sieht die Lösung eben anders aus. Für alle. Immer auch für die, für die sie nicht passt.

  • Schwierig finde ich es, wenn in Deutschland hochfunktionale Selbstvertreter*innen, die keine Erfahrungen haben mit (deutschen) Therapieformen, die unter ABA fallen, die Abschaffung fordern. Das finde ich übergriffig. Und damit möchte ich mich nicht bezüglich ABA positionieren, sondern betonen, dass ich es für wichtig halte, zu kennen für oder gegen was man sich ausspricht UND zu dem Personenkreis zu gehören, den es betrifft. Denn wie sollte z.B. ein autistischer Mensch, der sich nicht gut äußern kann, mitteilen, dass er seine ABA-Behandlung hilfreich fand? Ich finde es hat etwas mit Respekt zu tun nicht für andere Menschen zu sprechen, wenn man deren Lebensrealitäten gar nicht kennt.

    Ja, wichtiger Punkt. Damit habe ich mich früher immer unbeliebt gemacht, wenn ich kritisiert habe, dass ABA verteufelt wird ohne irgendeine eigene Erfahrung damit zu haben und ohne zu wissen, wie die Therapie im Einzelfall genau aussieht und was sie bewirkt. Eine ganze Reihe von "Aktivisten" in Deutschland haben einfach die Parolen aus USA übernommen und waren auch teilweise sehr militant, haben z.B. eine Frau von Autismus Deutschland angegriffen, sich in Förderaktionen der Aktion Mensch eingemischt und Kriege im Internet angezettelt. Dabei hatten sie auch keine Lösungsvorschläge, was Eltern denn sonst machen könnten, denn es ist eben meistens keine Lösung, den Autisten einfach so sein zu lassen wie er ist. wenn er selbst und die ganze Familie darunter leidet.

    Dass ich den Begriff Neurodiversität nicht besonders mag, schrieb ich sicher auch schon. Da will man einerseits postulieren, dass Menschen eben unterschiedlich sind und Autismus nur eine Variante ist, andererseits trennt man dann trotzdem Gruppen ab vom Rest, indem man sie neurodivergent nennt. Da hätte man auch gleich beim Begriff Krankheit oder Behinderung bleiben können, das ist nichts anderes. Sofern man Krankheit oder Behinderung nicht abwertend versteht, braucht man auch kein anderes Wort dafür. Es existiert eben eine Abweichung zur Normalität, und die muss man irgendwie bezeichnen.

    Diese Aktivisten und Influencer haben mit ihren Ansichten, die im Grunde nur persönliche Meinungen ohne Forschungsgrundlage sind, viel zu viel Aufmerksamkeit und Gewicht durch die sozialen Medien.

    Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.
    (Timothy Snyders „Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand“)

  • Ich finde die Gedanken interessant, reihen sich für mich in den mal von mir verlinkten Artikel über ASS in der Erwachsenenpsychiatrie und diesen von Shenya verlinkten Artikel über Diagnose als Idenditätsbooster ein.

    Ich kann mir vorstellen, dass es auch am allgemeinen Durcheinander der Welt liegt, dass Leute solche Diagnosen wollen und der Weg das zu beenden über eine friedlichere und verlässlichere Welt führt, oder führen würde. Es ist ja auch ein Zeichen für Leiden, wenn Leute solche Diagnosen wollen. Damit müsste man halt einen besseren Umgang finden.

    Der erwähnte Looping-Effekt hat mich zum Thread "meine unautistischste Seite" motiviert. Dass der dann auch wieder als Stereotyp kritisiert wurde, war eigentlich vorhersehbar, was soll man denn sagen, "meine vielfältigste Seite"? Mir schiene es eine Möglichkeit, sich dagegen zu engagieren, indem man auch über untypische Erlebnisse berichtet.

  • Der erwähnte Looping-Effekt hat mich zum Thread "meine unautistischste Seite" motiviert. Dass der dann auch wieder als Stereotyp kritisiert wurde, war eigentlich vorhersehbar, was soll man denn sagen, "meine vielfältigste Seite"? Mir schiene es eine Möglichkeit, sich dagegen zu engagieren, indem man auch über untypische Erlebnisse berichtet.


    Ich mag das persönlich, wenn ein wenig “aufgelockert” wird. Sei es der “unautistische Seiten” Thread, um Klischees “aufzubrechen”, oder der “du weißt, dass du ein Aspie bist Thread”, wenn man sich über bestimme Verhaltensweisen schämt, die man hat, fühlt man sich dadurch weniger einsam.


  • Ich mag das persönlich, wenn ein wenig “aufgelockert” wird. Sei es der “unautistische Seiten” Thread, um Klischees “aufzubrechen”, oder der “du weißt, dass du ein Aspie bist Thread”, wenn man sich über bestimme Verhaltensweisen schämt, die man hat, fühlt man sich dadurch weniger einsam.


    Ich mag den Thread auch immer noch. Ich habe es geschrieben, weil ich über die Häufung der ähnlichen Themen nachgedacht habe, und man hat in einem Forum ja auch Möglichkeiten, mal etwas anderes als den Standard zu betonen.

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