Mein Weg zur (inoffiziellen) Diagnose und die immernoch offenen Fragen zum weiteren Vorgehen

  • Hallo Leute,

    ich möchte kurz meine Geschichte erzählen und habe anschließend Fragen dazu. Wäre toll wenn ihr mir eure Meinung dazu sagt.

    Ich habe vor 5 Jahren (mit 34) eine ADHS-Diagnose erhalten. Das war gut, weil es schon so manche Schwierigkeit für mich erklärt hat und ich die Möglichkeit hatte ADHS-Medikamente auszuprobieren. Trotzdem habe ich mich immer noch irgendwie "anders" im Vergleich zu vielen ADHSlern gefühlt. Soweit, sogut.

    Vor ein paar Jahren habe ich dann eine Frau über eine Dating-App kennengelernt, die mittlerweile eine gute Freundin von mir geworden ist. Sie ist Psychotherapeutin mit mittlerweile auch eigenem Kassensitz. In den Kennenlernphase hat sie in ein oder zwei Situation schon mal etwas spaßig gefragt ob ich Autist bin. Das hat mich jetzt nicht ganz so überrascht, weil ich schon immer wusste zumindest "Autistische Züge" zu haben. Das Thema wurde aber nicht weiter vertieft.

    Dann hat sie aus persönlichem Interesse eine Fortbildung für Psychotherapeuten zum Thema Autismus und Diagnostik besucht. Danach war sie sich schon realtiv sicher, dass ich Autismus habe. Dann wurde das Thema für mich interessanter und ich habe sie gebeten eine vollständige Diagnostik mit mir zu machen.

    Ergebnis:

    "Die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung wurde unter Nutzung eines halbstrukturierten Interviews entlang der 11 Dimensionen autistischer Wahrnehmung nach Riedel (Freiburger Autismusarbeitsgruppe) und unter Anwednung einzlener Fragebögen und Interviews gesichert."

    Die Sache ist die, dass dieses Gutachten offiziell nicht verwendbar ist, da wir eine private Freundschaft pflegen.

    Aktuell bin ich bei einem Psychotherapeuten der (zufälligerweise) mal vor vielen Jahre in einem Autismus-Beratungszentrum als Psychologe gearbeitet hat. Dem habe ich diese ganze Geschichte natürlich auch vorgetragen. Er selbst hält Autismus bei mir für "sehr wahrscheinlich", traut sich aber nicht zu selbst eine Diagnose zu stellen. Die Diganose von meiner Freundin würde er aber übernehmen. Aber das geht ja offiziell nicht, beziehungsweise will sie nicht.

    Jetzt bin ich nochmal in mich gegangen und frage mich ob es überhaupt so wichtig ist eine eingetragene, gesicherte Diagnose in der Akte stehen zu haben. Im Gegensetz zur ADHS-Diagnose komme ich ja an keinen speziellen Medikamente. Die Beantragung einer Schwerbehindertung steht momentan nicht zur Debatte.

    Was ich mich frage:

    Würde ich überhaupt eine Diagnose wo anders erhalten? Ist mein (Asperger-) Autismus überhaupt ausgeprägt genug? Mein Therapeut selbst meinte, dass er noch andere Autisten hat in Behandlung und diese teilweise ganz andere Probleme im Leben hätte als ich.

    Das liegt zu einem gewissen Teil aber auch daran, dass ich (glaube ich) gelernt habe von klein auf sehr gut zu maskieren. Ich habe ein von außen "normalen" Wedegang. Schule, Ausbildung, Studium, Arbeit. Wie sehr ich aber Probleme hatte in dieser Zeit weiß kaum jemand.

    Zeitweise war ich sogar in einer psychosomatischen Klinik weil ich so ausgebrannt war. Komischerweise wurde da damals weder ADHS noch Autismus erkannt. Warum? Ich glaube ich habe dort einfach performed. Gruppentherapien habe ich als "psychologisch interessantes Experiment angesehen". Das einzige was aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass ich mich außerhalb der gemeinsame Termine nicht in die Gruppen integrieren konnte. Die im Bericht genannte "Schwäche im Bereich der emotionalen Kommunikation nach innen und außen" wurden durch einen Selbstwertkonflikt und Konflikten mit meiner Familie erklärt.

    Ich glaube was mich von einem nach außen "deutlicheren" Autismus-Fall unterscheidet ist, dass ich über die all die Jahre gelernt habe unter dem Radar zu fliegen. So zu verhalten, dass man in der Gesellschaft nicht groß auffällt. Mein Autismus wird deutlicher wenn ich unter Stress stehe, oder man mich näher kennenlernt bzw. mehr Zeit mit mir verbringt.

    Fazit:

    Wenn du es geschafft hast bis hierher zu kommen und meine Gedankengänge irgendwie zu verstehen wäre das schon mal toll. Ich habe einfach noch viele Fragen im Kopf ... Wirklich richtiger Autismus bei mir? Brauche ich eine eigene Diagnose? Würde ich diese überhaupt erhalten?

  • Wirklich richtiger Autismus bei mir? Brauche ich eine eigene Diagnose? Würde ich diese überhaupt erhalten?

    ich habe bis zu deinem Fazit gelesen und kann deine Gedanken nachvollziehen, aber deine Fragen kann ich nicht beantworten. Vermutlich kann dir niemand hier im Forum eine Diagnose stellen oder bestätigen oder vorhersagen, ob du sie erhalten würdest. Und ob du eine Diagnose brauchst, kannst ja nur du selbst wissen und hast du dir ja eigentlich schon selbst beantwortet.

  • Ich glaube was mich von einem nach außen "deutlicheren" Autismus-Fall unterscheidet ist, dass ich über die all die Jahre gelernt habe unter dem Radar zu fliegen. So zu verhalten, dass man in der Gesellschaft nicht groß auffällt. Mein Autismus wird deutlicher wenn ich unter Stress stehe, oder man mich näher kennenlernt bzw. mehr Zeit mit mir verbringt.

    Ich kann aus meiner Perspektive nur sagen dass ich sehr froh über eine Diagnose, die ich zu Zeiten machte in denen ich dachte eigentlich ganz gut klarzukommen.

    Jetzt, gut 14 Jahre später, brauche ich dringend Unterstützung und es war zumindest hilfreich schonmal eine Diagnose als Basis zu haben.

    Vielleicht reicht bei Dir jedoch die ADHS Diagnose, somit ist ja zumindest eine Neurodiversität nachgewiesen.

    (Allerdings würde ich die ADHS Diagnostik auch gerne noch durchlaufen, die "Doppeldiagnose" zeigt halt ggf. nochmals anders gelagerte Themen auf, AS alleine erklärt bei mir auch nicht alles.)

  • Jetzt bin ich nochmal in mich gegangen und frage mich ob es überhaupt so wichtig ist eine eingetragene, gesicherte Diagnose in der Akte stehen zu haben. Im Gegensetz zur ADHS-Diagnose komme ich ja an keinen speziellen Medikamente. Die Beantragung einer Schwerbehindertung steht momentan nicht zur Debatte.

    Aus Erfahrungen im Familienkreis mit dem Thema Schwerbehindertenausweis kann ich dir versichern, dass es keine Einzel-Diagnosen-Bewertung gibt. Es wird alles -ob nun ADHS- oder Autismusdiagnose dafür verantwortlich sind- unter dem Label der "Seelischen Beeinträchtigung" gewertet.

    Wenn ich meine ganz persönlichen Erfahrungen mit einer Psychotherapie überdenke, ist es wichtig, an sich selbst zu arbeiten und dazu möglichst rasch zu erkennen, wo die Knackpunkte bei dir selber sind. Also Knackpunkte in Anführungsstrichen, ich meine diejenigen Punkte aus deinem Leben, bei denen du Unterstützung brauchst, um etwas zum Besseren zu wenden.

    Ich glaube, dass es deshalb weniger wichtig ist, eine einzige feste Diagnose vorweisen zu können. Gerade im psychotherapeutischen Bereich gibt es so viele Therapiemöglichkeiten wie noch nie. Sagen jedenfalls die Therapeuten!

    Aber auch hierzu sagt mir wieder meine Erfahrung, dass Menschen unterschiedlich sind, mit unterschiedlichen Zielen. Also wirst nur du für dich entscheiden können, ob es dir wichtiger ist, die Autismusdiagnose zu bekommen, oder ob du eine hilfreiche Psychotherapie beginnst (wenn du das willst).

  • Klara Unsinn Danke für deine Rückmeldung!

    Tatsächlich befinde ich mich in der Therapie gerade in so einer Art Identitätsfindung. Dabei klappere ich diverse Probleme oder Schwierigkeiten ab um jeweils herauszufinden an was ich arbeiten / oder verändern kann, oder was eben so ist um damit Frieden zu schließen.

    Und ich habe tatsächlich auch schon mehrfach gelesen, dass es bei Thema GdB nicht um Diagnosen geht, sondern im konkrete Einschränkungen im Alltag.

  • Die wichtigste Frage, die Du Dir vielleicht stellen solltest, ist doch: Glaubst Du, dass es etwas für Dich verändern könnte, wenn Du SICHER weißt, dass Du die ASS bzw. Audhs- Diagnose hast.

    ( Sofern Du sie nicht anzweifelst).

    Dadurch verändert sich ja doch noch einmal etwas in der Selbstwahrnehmung z.B.

    Das ist ja auch ein Thema, was Du mit Deinem Psychotherapeuten oder auch Deiner Freundin besprechen kannst.

    Gibt es Erfahrungswerte, was es verändern könnte?

    Welchen Unterschied glaubst Du, könnte es für Dich machen?

    ( Bei mir machte es einen größeren Unterschied als ich dachte. Auch das Verdauen danach- über längere Zeit.)

Participate now!

Don’t have an account yet? Register yourself now and be a part of our community!