Exzellente Körperbeherrschung

  • Hallo zusammen!

    Im allgemeinen heißt es, Autisten hätten häufig Probleme mit der Koordination von Bewegungsabläufen, auch aufgrund untypischer Spiegelneuronen, es fällt ihnen also schwer, Bewegungen nachzuahmen.

    Bei meinem Sohn und meinem Neffen (beide ASS diagnostiziert) kann ich das voll bestätigen. Meine Frau hingegen (VA) hat eine wirklich exzellente Körperbeherrschung und Körperwahrnehmung. Bewegungen oder Körperhaltungen spiegelt sie hingegen auch nicht, oder zumindest deutlich weniger als ich.

    Jetzt ist Autismus ein Spektrum und extreme können oft in beide Richtungen auftreten, ist mit alles klar. Mich interessiert, ob hier noch mehr sind, die ähnliche Erfahrungen haben. Also Autisten, die richtig gut im Sport und in Bewegungsabläufen sind.

  • Meine Frau hingegen (VA) hat eine wirklich exzellente Körperbeherrschung und Körperwahrnehmung.

    Woran machst du das denn fest? Ihre Körperwahrnehmung kannst du ja nur über ihre Schilderungen beurteilen und Aspies können ja durchaus eloquent über bestimmte Themen referrieren. Im alten Forum erinnere ich mich an Leute, die meinten, sie wären im völligen Einklang mit der Natur und könnten mit Tieren und Pflanzen kommunizieren, was ich persönlich irgendwie bezweifle.

    Außerdem torkeln die wenigsten Autisten ständig völlig unkoordiniert durch die Gegend. Macht deine Frau Yoga oder ist sie Turnerin oder wie äußert sich diese außergewöhnliche Köperbeherrschung bei ihr?

  • Also ich war früher im Leichtathletikverein. Ich war zwar nie ein Top-Athlet, aber für eine 1 in Sport in der Schule hats gereicht. Nur Ballspiele mag ich überhaupt nicht, das liegt aber auch daran, dass dies meist Teamsportarten sind.

    Grundsätzlich würde ich meine Körperbeherrschung als mittelmäßig einstufen. Ich kann schon auch neue Sportarten erlernen (Snowboarden mit 18, Bouldern mit 40), aber ich habe schon immer das Gefühl, dass ich zum erlernen etwas länger benötigt als andere. Liegt wohl auch daran, dass ich mir über jede Bewegung sehr viele Gedanken mache, anstatt sie einfach auszuführen. Nach einiger Zeit klappts dann aber auch bei mir.

  • Ich liebe eigentlich alles, was mit Bällen zu tun hat. Ich kann Ski fahren und von Rampen springen, einen Salto oder Kopfstand machen, ohne das jemals gezielt geübt zu haben. Früher habe ich regelmäßig Tennis gespielt, an Turnieren teilgenommen und durfte mit neun Jahren mit Jugendlichen trainieren. Später habe ich dann mit den älteren Jungs trainiert, die deutlich kräftiger waren als ich. Obwohl ich vermutlich nur etwa die Hälfte von ihnen gewogen habe, konnte ich durch Technik und Schnelligkeit trotzdem gut mithalten.

    Mit 16 bin ich meinen ersten Halbmarathon gelaufen. In der Schule hatte ich Sport als Leistungskurs und habe mein Abitur unter anderem mit Leichtathletik-Dreikampf, Ausdauerlauf und Volleyball absolviert. In vielen Disziplinen hatte ich eine 1+, nur im Diskuswurf war es „lediglich“ eine 3+.

    Neue Sportarten zu lernen fällt mir generell sehr leicht. Ich bin sehr beweglich und geschickt. Auch am Klavier merke ich das: Obwohl ich eher kleine Hände habe, kann ich relativ weit greifen, weil ich extrem biegsam und dehnbar bin.

    Ich habe schon gehört, dass motorische Ungeschicklichkeit bei ASS häufiger vorkommen kann. Allerdings ist das meines Wissens nach nur ein mögliches Merkmal und kein notwendiges Kriterium. Es gibt bestimmt auch viele Autisten, deren SI Sport ist oder die motorisch sehr begabt sind. Mein Psychiater hat mir jedenfalls trotzdem die AS Diagnose gegeben, obwohl ich ihm erzählt habe, wie gerne ich Tennis spiele und wie sehr ich Ballsportarten liebe.

    Edited once, last by SecretDream (June 18, 2026 at 2:47 PM).

  • Ich beschäftige mich aber auch sehr gerne mit Technik und Bewegungsabläufen. Beim Sport habe ich mir oft Tutorials auf YouTube angesehen, um zu verstehen, wie man bestimmte Bewegungen möglichst effizient und sauber ausführt. Anschließend habe ich versucht, diese Bewegungen nachzuahmen und zu perfektionieren.

    Auch beim Klavierspielen filme ich mich häufig selbst und achte genau auf meine Körper- und Handhaltung. Mir ist wichtig, dass die Bewegungen geschmeidig und mühelos wirken. Gerade bei schnellen Passagen darf die Hand nicht verkrampfen. Alles soll locker sein: eine aufrechte Körperhaltung, ruhige Atmung, fließende Armbewegungen, Rotation aus dem Arm und möglichst geringer Krafteinsatz.

    Außerdem trainiere ich gezielt die Beweglichkeit und Fingerfertigkeit meiner Hände. Ähnlich war es beim Zauberwürfel: Mich hat nicht nur interessiert, ihn lösen zu können, sondern auch, ihn schnell und elegant zu lösen. Dafür gibt es spezielle Algorithmen und Techniken, bei denen auch die Handposition und die Effizienz der Bewegungen eine wichtige Rolle spielen.

    Deshalb könnte es gut sein, dass Bewegungsabläufe und Bewegungsoptimierung selbst neben dem Klavierspielen, welches mein Haupt-SI ist auch irgendwo ein SI sind bei mir. Ich scheine jedenfalls das Extremum in die “andere” Richtung zu sein.


    Gleichzeitig bin ich aber auch jemand, der manchmal wie ein Betrunkener durch die Gegend torkelt. :D Mein Gang wirkt oft etwas komisch oder ungelenk, und ich laufe regelmäßig irgendwo dagegen oder stolpere über Dinge, die andere vermutlich gar nicht wahrnehmen würden.

    Manchmal bin ich zu „dumm“, ein Glas richtig zu halten und Wasser vernünftig zu trinken, verschütte es über mich, laufe gegen Straßenlaternen oder scheitere daran, Verpackungen ordentlich zu öffnen.

    Deshalb finde ich es selbst irgendwie lustig, dass ich mich einerseits so intensiv mit Bewegungsabläufen beschäftige und in vielen Bereichen eine ziemlich gute Körperkontrolle habe, während ich andererseits im Alltag manchmal wirke, als hätte ich meine Motorik gerade erst kennengelernt. :D

    Edited 2 times, last by SecretDream: Ein Beitrag von SecretDream mit diesem Beitrag zusammengefügt. (June 18, 2026 at 2:48 PM).

  • Danke für eure Rückmeldungen, auch für die gewisse Portion Skepsis von dir, Theta!

    Es ist bei meiner Frau aber dann doch eher so wie bei SecretDream, nur vielleicht nicht ganz so extrem.

    Meine Frau hat als Kind mehrere Sportarten ausprobiert, Turnen und Voltigieren. Zum Tanzen gekommen, Wettkampf und vor allem Showtanz. Und schließlich ein Naturtalent im Einradtrial, mit regionalen, nationalen und internationalen Top-Platzierungen, und das ohne großes Training. Und eben auch mit dem Punkt, dass sie bisweilen die räumlichen Grenzen ihres Körpers nicht ganz im Griff hat und Gläser umkippt oder gegen Sachen läuft.

    Meine Frage hatte übrigens auch meine jüngste Tochter (3 Jahre) im Kopf, die mit großer Leidenschaft Reihen legt und mit einer Geschicklichkeit klettert, die die ihres Bruders (ASS-Diagnose) bei weitem übertrifft, aber auch die ihrer sehr geschickten Schwester (Verdacht ADHS) übertrifft.

  • Mich interessiert, ob hier noch mehr sind, die ähnliche Erfahrungen haben. Also Autisten, die richtig gut im Sport und in Bewegungsabläufen sind.

    Bei mir ist das eindeutig der Fall. Ich war in der Schule immer mit Leichtigkeit die Beste in Sport in meiner Klasse, wenn es um technische Sportarten ging.

    Im Alter von 4 Jahren ging ich auf eigenen Wunsch zum Kinderturnen. Ich war dort mehr oder weniger sofort die Beste der Gruppe und wurde bald zum Kunstturnen abgeordnet. Beim Kinderturnen hatte ich kein lebendes Beispiel, an dem ich abschauen konnte, wie die Übungen perfekt ausgeführt werden. Es gab dort niemanden, der die Übungen vormachen konnte. Ich hatte nur die mündlichen Erläuterungen zusammen mit angedeuteten Übungsausführungen der Turnlehrerin als Orientierung.

    Später kamen dann noch technische Sportarten wie zum Beispiel Leichtathletik dazu. Dort konnte ich mit sauberer technischer Ausführung punkten, nicht aber unbedingt mit schnellen Zeiten, großen Höhen und Weiten. Dazu mangelte es mir an Schnellkraft und Explosivität. Ich war allerdings in meiner Jugend wegen einer erheblichen körperlichen Entwicklungsverzögerung mindestens einen Kopf kleiner als meine Altersgenossen.

    Heute als ü55 Erwachsene nehme ich mit viel Spaß an der Freude am Ballettunterricht einer fortgeschrittenen Hobbyklasse mit im Durchschnitt 30 Jahre jüngeren Tänzerinnen teil.


    Ich denke, dass bei mir die Leichtigkeit, mit der ich technische Sportarten präzise umsetzten kann, mit einer hypersensiblen Propriozeption zu tun hat.

    Autismus hat ja mit einen fundamentalen Besonderheit in der Reizverarbeitung des Gehirns zu tun. So können auch sensorische Systeme im Spektrum in extremen Bereichen angesiedelt sein – entweder als Unterempfindlichkeit oder als Überempfindlichkeit.

    Durch die besondere Reizverarbeitung nimmt bei den Personen mit hypersensibler Propriozeption das Gehirn die Signale aus Muskeln, Sehnen und Gelenken extrem detailreich und ungefiltert wahr.


    Ich war in meiner Jugend auch gut in Ausdauersportarten mit monotonen, sich ständig wiederholenden Bewegungsabläufen. Ich bin schon als 8 jährige meinen ersten Halbmarathon gelaufen. Ich war dabei nicht sonderlich schnell, aber die mit großem Abstand Jüngste im Leichtathletikverein, die diese Strecke überhaupt bewältigt hat. Mich haben die sich stupide wiederholenden Bewegungsabläufe sehr schön geerdet und entspannt, während die anderen Kinder das total langweilig und zäh fanden und nur mit Murren zu Läufen zu bewegen waren, die länger als ein paar Minuten dauerten.

    Auch heute noch bin ich ausdauernde Genussläuferin.

  • Mir ist noch etwas einfallen, was off Topic ist, aber vielleicht doch zu diesem Thema passt, weil es wohl durch meine hypersensible Propriozeption begründet ist:

    Beim Autofahren halte ich die meiste Zeit das Lenkrad nur locker mit den Daumen- und Zeigefingerkuppen der linken Hand fest. Ein festerer Griff oder gar das Lenkrad mit beiden Händen anzufassen fühlt sich für mich umständlich, unnötig und irritierend an. Ich empfinde es so, dass ich mit dem sehr reduzierten Zangengriff eine viel genauere Kontrolle über die Lenkbewegungen habe, als wenn ich fester oder mit beiden Händen zupacken würde.

  • Ein sehr interessanter Austausch, den ich hier verfolge. Das erklärt mir in anderen Worten einiges darüber, "weshalb meine Person oftmals seltsam rüberkommt in der körperlichen Erscheinung".
    Ich für mich habe das bisher als Unterschiede "mit mir alleine und in Natur und meiner Umgebung sein" und "unter Leuten mit ihren Gegenständen sein" benannt.

    Mein Eindruck ist, als wäre ich überall in meinem Korpus drinnen und bewege die Teile von dort aus, es ist ein Tanzen und Tänzeln und mit Freude, als stöme Freude dort hindurch und das bewegt meine Bewegung.
    'Als mache ich 30 Jahre Yoga', wurde mir oftmals gesagt. Dazu meine für andere sichtbare Körperhaltung ist nicht dementsprechend.

    Doch soll ich zB in einen Bus steigen, mit nur einer geöffneten Türseite und Stufen, hoffe ich dort durchzukommen und auch im Bus zum Platz, ohne zu schwanken und wo anzustroßen oder zu stolpern. Muß mich konzentrieren, kann nur das ausführen (Einsteigen, Festhalten, Sitzplatz finden).
    Mir sind die Leutedinge oft wie zu klein, schon oft hatte ich das Bild von Alice im Wunderland von mir zu diesem Phänomen. 'Zu groß oder zu klein für die Umgebung'.

    Wenn Platz und Freiheit ist, dann bewege ich mich aus mir heraus schwungvoll und homogen, doch sobald es für mich unnatürlich und irgendwie auch 'unlogisch' wird, bewege ich mich tollpatschig und unkoordiniert, ja, wie zu groß und unpassend.

    Ich kann auch urplötzlich Dinge wie Fahrradfahren, Schwimmen, als hätte ich das ein Leben lang durchgehend getan (was nicht der Fall war).
    Doch zB angeleitete Bewegungskurse, da kapiere ich nicht was ich machen soll. Ich kann mich einzig von innen nach außen bewegen, doch nicht mit (an mich gerichtete) Kopfbefehlen, das kann ich regelrecht nicht.
    Das war auch in meiner Kindheit der Fall. Ich erinnere, wie ich manchmal etwas weinte, weil ich 'von außen so getriezt' wurde und es nicht konnte.
    Etwas nur locker, wie aus dem Körperinnern sicher zu bewegen, kenne ich auch von mir. -

    Das ganze verleiht den Anschein, als sei ich "verschieden drauf", doch das ist bloß umgebungsabhängig.
    Es paßt von der allgemeinen Erklärungsweise "kaum zusammen".
    Ich fand das bisher recht interessant.

  • Hallo columbarius,

    vielen Dank für den Einblick in deine Bewegungswelten! Das ist wirklich sehr interessant.

    Auch dein Input, Input, ist sehr interessant und liefert eine mögliche ERklärung:

    Autismus hat ja mit einen fundamentalen Besonderheit in der Reizverarbeitung des Gehirns zu tun. So können auch sensorische Systeme im Spektrum in extremen Bereichen angesiedelt sein – entweder als Unterempfindlichkeit oder als Überempfindlichkeit.

    Durch die besondere Reizverarbeitung nimmt bei den Personen mit hypersensibler Propriozeption das Gehirn die Signale aus Muskeln, Sehnen und Gelenken extrem detailreich und ungefiltert wahr.


    Ich hoffe nur, dass die zwei Finger am Lenkrad wirklich reichen! In entspannten Situationen bestimmt, zum Beispiel bei gut fließendem nur leichten Verkehr auf der Autobahn, aber machst du das auch so, wenn der Verkehr stressiger wird?

  • Doch soll ich zB in einen Bus steigen, mit nur einer geöffneten Türseite und Stufen, hoffe ich dort durchzukommen und auch im Bus zum Platz, ohne zu schwanken und wo anzustroßen oder zu stolpern. Muß mich konzentrieren, kann nur das ausführen (Einsteigen, Festhalten, Sitzplatz finden).
    Mir sind die Leutedinge oft wie zu klein, schon oft hatte ich das Bild von Alice im Wunderland von mir zu diesem Phänomen. 'Zu groß oder zu klein für die Umgebung'.

    Wenn Platz und Freiheit ist, dann bewege ich mich aus mir heraus schwungvoll und homogen, doch sobald es für mich unnatürlich und irgendwie auch 'unlogisch' wird, bewege ich mich tollpatschig und unkoordiniert, ja, wie zu groß und unpassend.

    Ist bei mir auch so bei Reizüberflutung. Dann funktioniert die Steuerung irgendwie nicht mehr gut und ich rempele jemanden an oder stoße mich. Abseits davon hatten mich verschiedene Leute schon gefragt, ob ich Ballett mache (Tu ich nicht), also ich wirke anscheinend nicht durchgehend tollpatschig.

  • aber machst du das auch so, wenn der Verkehr stressiger wird?

    Das variiert je nach Verkehrssituation. Ich hatte deshalb gerschrieben, dass ich die meiste Zeit das Lenkrad nur locker mit den Daumen- und Zeigefingerkuppen der linken Hand festhalte.

    Wenn es die Situation erfordert, zum Beispiel wenn mein Wagen von einer seitlichen Windboe erfasst wird und ich gegenlenken muss, bei plötzlich nötigen Ausweichmannövern oder beim rückwärts einparken ist meine rechte Hand sofort mit am Lenkrad. Das ist über die Jahre zu einem Automatismus geworden, der blitzschnell und ohne Nachdenken vonstattengeht.


    Mir fällt dazu noch eine Anekdote ein. Ich hatte mal einen Freund, der wusste, dass mir Körperkontakt in vielen Sitationen unangenehm ist. Dennoch konnte er es - wohl aus einem Beschützerinstinkt heraus nicht lassen - meine Hand zu ergreifen, wenn vermeintliche Gefahr drohte, zum Beispiel wenn wir gemeinsam zu Fuß eine Straße überquerten. Und so fragte er mich eines Tages als Beifahrer, ob er Händchen halten dürfe, als meine rechte Hand beim Autofahren mal wieder entspannt auf meinem Schoß lag.

    Von mir kam sofort ein unwollt etwas zu schoffes "Nein!!" Er hatte das wohl nicht wirklich durchdacht, aber das wäre selbst für einen NT, der keine Probleme mit Körperkontakt hat, als Fahrzeuglenker zu gefährlich, wenn man plötzlich blitzschnell in einer Gefahrensituation im Straßenverkehr die rechte Hand mit ans Steuer nehmen muss, gleichzeitig aber unbewusst der Beschützerinstinkt des Beifahrers noch kräftiger zupackt.

    Bei mir käme noch dazu, dass ein Händchenhalten, auch wenn es lieb gemeint ist, mein Nervensystem gefühlt mit sehr unagenehmen, ablenkenden Reizen bombadiert, was mir jegliche Konzentration rauben würde. Ich fühle diese Art der Berührung so intensiv und durchdringend, dass es die Kapazität übersteigt, die mein Nervensystem pro Zeiteinheit zur geordneten Verarbeitung zur Verfügung hat.

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