Pubertät oder Autismus

  • Unser 13-jähriger möchte mit uns NT-Großeltern in einen Ferienpark. (Die Eltern haben erst später Urlaub) Wir sind seinem Wunsch nachgekommen und haben den Betrag für das Ferienhaus bereits überwiesen. Je näher der Termin kommt, desto mehr lehnt er aber den Aufenthalt ab. Argumente wie " ..haben uns darauf gefreut, Geld ist schon überwiesen" vergrößern eher den Widerstand. Ist sein Verhalten nur der Pubertät geschuldet? Hat es mit seiner depressiven Phase zu tun? Kann er als Autist nicht mit der neuen Situation umgehen, obwohl die Idee schon vor Wochen von ihm kam? Oder kommt alles zusammen?? Wie geht man damit um?

    Schon jetzt danke ich fürs Lesen und mögliche Antworten.

  • Schwierig!

    Wie äußert sich denn seine Ablehnung?
    Kommuniziert er klar seine Unlust oder wirkt eher sein Verhalten ablehnend?

    Wenn es sein Verhalten ist, könnte er sich ja dennoch darauf freuen, ist gleichzeitig aber davon vielleicht auch überfordert?

    Dum spiro, spero, sed realitatem agnosco.

  • Wenn wir fragen, was wir bereits jetzt vorbereiten, einkaufen, mitnehmen sollen, kommt als Reaktion, dass er ja sowieso nicht mitfahren wird. Es folgt keine weitere Begründung: Kein " Ich habe mir überlegt, dass es uncool ist, mit der Oma zu verreisen.." oder " Da sind wahrscheinlich nur kleine Kinder..."

    Sleepy Mockingbird Sind eure Kinder in einem ähnlichen Alter?

  • Ja, 12, hat dieses Jahr noch Geburtstag und 16.

    Das könnte die Depression sein, es könnte auch die Pubertät sein, komplizierte Konstellation!

    Wie ist denn generell sein Verhalten, ist er eher trotzig-ablehnend, so dass das jetzige Verhalten zwar unerfreulich ist, aber noch ‚im Rahmen‘? Das sich allmählich entwickelt hat? Dann würde ich zur Pubertät tendieren.

    Korreliert sein Verhalten hingegen mit der Entwicklung seiner Depression, würde ich dort eher die Ursache vermuten.

    Oder gab es ein Änderung oder sonstige nachhaltige Abweichung/Veränderung in seinem Umfeld? Schule? Freunde? Etwas, das vielleicht banal wirkt, ihm aber ‚zusetzt‘?

    Dum spiro, spero, sed realitatem agnosco.

  • Ferienparks, auch Centerparks, das sind diese quasi geschlossenen Welten aus Ferienwohnung und Badebereich und jede Menge Kram wie in einem Freizeitpark, aus dem man während des ganzen Aufenthalts gar nicht raus muss - ist es so was? Wenn er das weiß, könnte ich mir vorstellen, dass er auch einfach Angst vor dem Trubel hat, davor, dass in jeder Ecke immer was los ist und dass er doof / uncool erscheint, wenn er sich ausklingt. Ich kann den Stress, wenn ich mich in seine Situation versetze, richtig spüren. Wenn es so etwas früher gegeben hätte, für mich wäre das der Horror gewesen.

  • Er hat durch sein zweiwöchiges Fehlen in der Schule Lücken und keine Bereitschaft und Kraft den Unterrichtsstoff nachzuholen. Die Noten im ersten Halbjahr waren gut, jetzt klagt er über ständige Erschöpfung, was zu einem Leistungsabfall geführt hat. Eigentlich war er bisher sehr ehrgeizig, nun ist ihm alles egal. Sleepy Mockingbird

    FrankMatz Vor drei Jahren war die Familie dort und es hat ihm gut gefallen. Deshalb wollte er ja wieder hin.

    Edited once, last by Herzchen54 (June 12, 2026 at 10:05 PM).

  • Das macht auf mich den Eindruck, als wenn es durch die Depression verursacht würde. Und dann kann er eigentlich nur aus eigenem Antrieb mit Unterstützung da wieder heraus kommen.
    Wenn man erstmal in den ‚Loch‘ steckt, ist es am Besten den Betroffenen den ersten Schritt machen zu lassen.
    Zumindest bei mir ist es so, dass ich nur allein wieder herausschaffe. Wenn jemand versucht auf mich ‚einzuwirken‘, sei es noch so gut gemeint, macht es das nur schlimmer.

    Aber jeder ist anders…

    Wie viel Zeit ist noch bis zum geplanten Urlaub?
    Sodass vielleicht noch ein wenig Ruhe für ihn zeitlich verfügbar ist?

    Wie läuft denn die Kommunikation und Zusammenarbeit mit der Schule, denn das wirkt auf mich eher suboptimal.
    Wir haben das Glück sehr verständige Lehrer an der Schule zu haben, sodass wir sie bei Bedarf auch mal tageweise aus der Schule nehmen können, abgestimmt mit den Lehrern.

    Dum spiro, spero, sed realitatem agnosco.

  • Die Schule ist eigentlich sehr entgegenkommend: Man hat unseren Jungen von der in der nächsten Woche stattfindenden Klassenfahrt beurlaubt, weil er es sich selbst nicht zugetraut hat. Deshalb wollte er gerne als Ersatz den Aufenthalt im Ferienpark. Mittlerweile denken wir, dass 'Vorgespräche' in der Klasse ihn nun doch verunsichert haben und er bedauert, nicht teilnehmen zu können.

  • Ich kam auf die Idee mit der Schule, weil Du schriebst, dass seine Leistung so abgefallen wäre und er so ausgebrannt ist, das wirkt auf mich, natürlich rein subjektiv und durch meine Erfahrung eingefärbt, als würde es mit der Schule zumindest momentan nicht so gut laufen.
    Ähnliches hatten wir mit unserem Großen und ihm hat es geholfen, dass wir zusammen mit der Schule und unserem Hausarzt besprochen haben, dass wenn es ihm zu viel wird, wir ihn dann entsprechend zur Entlastung ein paar Tage rausnehmen.
    Eigentlich hätte er dieses Jahr seinen Abschluss (Realschule) machen sollen, aber nach etlichen Besprechungen und Konferenzen, hat er die Prüfungen zwar mitgeschrieben, da er aber die Klasse freiwillig wiederholt, werden sie nicht berücksichtigt, sondern sind für ihn eine Vorbereitung und Rückmeldung.

    Und unserem Zweiten hilft die Schulbegleitung sehr. Allerdings haben wir mit ihr auch unglaubliches Glück, er ist ihr erstes zu begleitendes Kind, hat mit dem Job erst angefangen und die beiden trafen sich und es passte von Anfang an.
    Vielleicht ist das etwas, das ihm auch helfen könnte? Natürlich nicht akut in der jetzigen Situation, sondern generell.

    Aber ob es primär die Schule ist, ist nur Spekulation von mir.

    Dum spiro, spero, sed realitatem agnosco.

  • Herzchen54 Vielleicht wäre es das sinnvollste das Kind einfach mal in einer ruhigen Situation zu fragen.

    Es ist dieser Konflikt, auf der einen Seite bei einer Klassenfahrt überfordert zu sein und andererseits das große Bedauern, nicht dabei zu sein. Dieses Problem gilt es auch im Ferienpark auszuhalten. Im Gegensatz zu uns hat er noch nicht gepackt und ist momentan auch nicht dazu bereit. Es bleibt spannend.

  • Ich kenne das auch von meinen Kindern von klein auf. Was funktioniert: Wenn sich das Kind zu etwas entschlossen hat, dann sofort loslegen. Das funktioniert natürlich nicht, wenn man im voraus irgendwo Übernachtungen buchen muss. Schon einen Tag später ist in der Regel der Mut weg. Bei sowas hat es bei uns geschwankt zwischen "du darfst selbst entscheiden, ob du mit willst" (was eben diese Unsicherheit verstärkt hat) und "ich entscheide jetzt für dich, weil du zu keinem Ergebnis kommst". Ja, das gibt Gemaule, damit muss man dann leben. Ich muss dazu sagen, wir waren nicht oft im Urlaub, weil ich selbst regelmäßig vor dem gleichen Problem stand.

    Was bei uns auch vorkam: wir haben 4 Tage gebucht und nach zwei Tagen kommt schon der sehnliche Wunsch, nach Hause fahren zu wollen. Das geht aber nicht, wenn die Fahrkarten für die Rückfahrt schon bezahlt sind.

    Klassenfahrten waren die Ausnahme, da wurde grundsätzlich mitgefahren. In der Hinsicht finde ich eine Diagnose wirklich hinderlich. Auch wenn man überfordert ist damit, kriegt man es doch irgendwie hin. Auch Autisten haben den Wunsch "dazuzugehören" und das versaut man sich, wenn man diese Erfahrung streicht. Man kann vorher eben nicht wissen, wie es wird. Den Kindern ist das glaub ich nicht so bewusst. Aber schon der Gedanke, man könnte etwas verpassen, verfolgt ja dann das Kind sehr lange. Ich meine wirklich lange. Um dem vorzubeugen, sollte da auch mal ein Erwachsener entscheiden.

    Ich gebs zu, vielleicht sehe ich das etwas strenger als die meisten hier im Forum. Keiner hat gesagt, dass das Leben leicht wäre. Meiner Meinung nach ist es aber keine Lösung, dem Leben komplett aus dem Weg zu gehen.

  • Gerade auf Klassenfahrten lernt man die Mitschüler nochmal von einer ganz anderen Seite kennen. Und sie nehmen einen selbst vielleicht nochmal anders war, gerade wenn man "in seiner eigenen Welt" lebt und so eine Art Außenseiter ist. Ich halte das für wichtig, da kann sich auch viel verändern im Umgang miteinander. Auch wenn man vorher weiß, es wird hart: hey, wir sind stark. Ich bin mir sicher, wenn es tatsächlich zu viel wird, kann man das auch äußern und Wege finden, ohne gleich komplett zu Hause zu bleiben.

  • Klassenfahrten waren die Ausnahme, da wurde grundsätzlich mitgefahren. In der Hinsicht finde ich eine Diagnose wirklich hinderlich. Auch wenn man überfordert ist damit, kriegt man es doch irgendwie hin. Auch Autisten haben den Wunsch "dazuzugehören" und das versaut man sich, wenn man diese Erfahrung streicht. Man kann vorher eben nicht wissen, wie es wird. Den Kindern ist das glaub ich nicht so bewusst. Aber schon der Gedanke, man könnte etwas verpassen, verfolgt ja dann das Kind sehr lange. Ich meine wirklich lange. Um dem vorzubeugen, sollte da auch mal ein Erwachsener entscheiden.

    Ich gebs zu, vielleicht sehe ich das etwas strenger als die meisten hier im Forum. Keiner hat gesagt, dass das Leben leicht wäre. Meiner Meinung nach ist es aber keine Lösung, dem Leben komplett aus dem Weg zu gehen.

    Ich widerspreche dir da.

    Meine negativen Erlebnisse auf Klassenfahren verfolgen mich nach teilweise 30 Jahre immer noch. Und ja, auch Autisten würden gerne dazugehören - tun sie aber nicht. Und auf Klassenfahrten besteht eben das Problem, dass man nicht nach Hause in eine sichere Umgebung flüchten kann. Somit besteht auch über einen längeren Zeitraum keine Möglichkeit der Stresskompensation.

    Selbstverständlich ist das wieder alles höchst individuelle, zum einen vom Autist selbst, zum anderen vom Klassenverband und natürlich auch den Lehrern. Aber es kann eben durchaus passieren, dass man durch die Teilnahme noch weiter weg ist vom "dazugehören" als zuvor. Zumindest wars bei mir so.

    Und nein, das Leben ist nicht leicht. Als Autist ist es aber um ein vielfaches härter. Deshalb haben auch nicht wenige Autisten einen Schwerbehindertenstatus. Da hat man im "normalen" Leben schon genug Probleme, da ist es nicht verwerflich, unnötigen zusätzlichen Problemen nicht auszuweichen.

  • Um dem vorzubeugen, sollte da auch mal ein Erwachsener entscheiden.

    Sehe ich absolut genauso. Es ist auch generell wichtig, dass Eltern nicht alle Entscheidungen dem Kind überlassen, vor allem keine großen, weil ein Kind damit überfordert ist. Es ist ein riesen Aufwand zu überlegen "gehe ich mit oder nicht?", ganz besonders mit Autismus, wo einem das Entscheiden schwer fällt. Da geht es hin und her, das Kind hat die ganze Verantwortung und fühlt sich ggf. auch schlecht hinterher, weil unklar bleibt, ob die getroffene Entscheidung richtig war. Und für Eltern ist es auch besser, wenn bestimmte Dinge klar geregelt sind, und das Kind einem nicht bis zur letzten Sekunde auf der Nase herumtanzt. Da muss man als Eltern auch mal ein Machtwort sprechen.

    Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.
    (Timothy Snyders „Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand“)

  • Ich bin auch auf keinem Fall der Meinung das das Kind entscheiden soll ob es nun mit den Großeltern mitfährt oder nicht. Aber wir wurden gefragt was beim Kind im Kopf los ist und ich finde es sinnvoller das Kind das zu fragen, anstatt uns.

    -> Don't Panic <-

  • Wir sind seit gestern, nach einigen Anlaufschwierigkeiten am Morgen daheim, im Ferienpark. Unser Junge ist bisher zufrieden, wir gehen auf seine Bedürfnisse ein, wie es bei einer Klassenfahrt nicht möglich gewesen wäre.

    Was er seinen Klassenkameraden in der nächsten und auch letzten Schulwoche vor den Sommerferien erzählt, steht auf einem anderen Blatt.


    Herzchen54 Vielleicht wäre es das sinnvollste das Kind einfach mal in einer ruhigen Situation zu fragen.

    Wir haben herausgefunden, warum er nicht fahren wollte. Er dachte, er sei eine zu große Belastung für uns Senioren, weil es ihm momentan in der Schule und daheim gar nicht gut ging.

    Edited once, last by Herzchen54: Ein Beitrag von Herzchen54 mit diesem Beitrag zusammengefügt. (June 16, 2026 at 5:58 PM).

  • Vielleicht lernt er dadurch, dass er solche Sachen ruhig ansprechen kann.

    Klassenreisen habe ich mit gemischten Gefühlen in Erinnerung. Es war irgendwie schön dabei zu sein, aber jede Klassenreise hat mich in einen Meltdown (nur dass keiner wusste, was los war) nach einigen Tagen geführt. Nach einer sehr langen Wanderung war z.B. der unangekündigte Besuch eines Eiscafes, verbunden mit der Herausforderung, spontan ein Eis zu wählen, der berühmte Tropfen, der mich heulend in eine Ecke getrieben hat. Zumindest haben meine Mitschüler gelernt, dass sie mich dann in Ruhe lassen sollten. Aber an Autismus dachte da keiner.

  • Ich habe Klassenreisen,Verschickung en und vor allem die Freizeit Reisen von der Gemeinde aus,geliebt.Damit konnte ich nämlich meinen Eltern und dem ständigen Gezanke und den Aggressionen für Wochen entkommen.

    Bei meiner ersten Kirchen Reise war ich erst fünf Jahre alt,da fuhren viele Kinder aus meinem Dorf mit.Wir wurden ständig auf Trab gehalten,es gab viele Spotwettbewerbe (bei denen ich kläglich versagt habe), Nachtwanderungen, Theater Aufführungen (bei denen ich wiederum geglänzt habe,Masking habe ich notgedrungen schon früh gelernt) und wir mussten uns ständig Andachten anhören und wurden manchmal schon vor dem Frühstück zum Gottesdienst gejagt.Ich war immer sehr still und lief meistens unter dem Radar so mit.Oft habe ich mich auch zurück gezogen,was bei der Menge an Kindern und wenig Betreuern,die oft noch nicht mal volljährig waren,kaum auffiel.Das alles habe ich über mich ergehen lassen weil ich endlich mal Ruhe vor meinen Eltern hatte.

    Generell finde ich auch, dass Kinder so etwas erleben sollten.Was man nicht kennt,kann man auch nicht beurteilen.

    Es kommt dabei aber auf den Grad der Einschränkung bei Autisten an,ich kann mir vorstellen, dass der ständige Lärm und Trubel für einige eine permanente Reizüberflutung ist und es gibt auf solchen Reisen meistens keine Rückzugsmöglichkeiten.

    Und wenn man in der Klasse schon eine Außenseiter Rolle einnimmt,wird das auf einer Reise meistens nicht besser.Kinder können ganz schön gemein sein.

  • Was man nicht kennt,kann man auch nicht beurteilen.

    Genauso sehe ich das auch.

    drix Natürlich ist das etwas individuelles. Aber wenn hier schon geschrieben steht, dass der Junge darüber grübelt, dass es vielleicht doch die falsche Entscheidung war, scheint es so extrem nicht zu sein im Klassenverband. Zumal hier ja auch eine Diagnose da ist, und damit auch die Erlaubnis anders zu sein. Wie viele von uns haben sich ohne Diagnose durchgeschlagen. Und trotzdem kann man die Erfahrung erst beurteilen, wenn man sie gemacht hat.

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