Diagnosen als "Identitätsbooster"?

  • Okay. Brauchst dich nicht entschuldigen. Ich habe nur schlechte Erfahrungen mit Leuten die bei jedem Widerspruch gleich glauben man wolle ihnen die Diagnose absprechen.

    Dankeschön!

    Ich denke, in der Findungsphase kann das für viele schwer sein und, wenn einem dann wohlmöglich das private Umfeld die Verdachtsdiagnose/ Diagnose absprechen wollen und Gaslighting betreiben, dann kann das sicherlich die Wahrnehmung derart beeinflussen, dass man viel mehr, als normalerweise, als Kritik auffasst. Bei der ASS würde das den Fight-Modus auslösen und sicherlich eine Wachsamkeit (Hypervigilanz). Das Überreagieren könnte dementsprechend einfach eine Überlebensstrategie sein.

    Ich brauchte kurz vor der Diagnose eigentlich diesbezüglich keine Sicherheit mehr, weil dann verstärkt Symptome kamen, bei denen es mir ziemlich klar war und auch jetzt begreife ich immer mehr, warum etwas war oder ist.

    Deshalb ist es mir - man kann sagen - schnurzpiepegal, ob irgendjemand denkt, dass meine Diagnose nicht stimmt. Das ist also für mich ok, wenn dem so wäre. Ich kann das nämlich auch das nachvollziehen, dass man etwas nicht versteht, wenn man sich nicht damit auseinandersetzt und das tun leider viele nicht. Ist ja auch unglaublich umfassend und kompliziert.

  • Ich habe tatsächlich in Bezug auf Arzttermine durch die Diagnose mehr das Gefühl ernst genommen zu werden.

    Finde ich gut. Meine Erfahrungen sind durchwachsen. Meistens wird es ignoriert, manchmal kommt ein blöder Spruch, seltener mal habe ich das Gefühl, dass es etwas bewirkt. Aber zuletzt habe ich die Diagnose gar nicht mehr erwähnt, wenn ich bei einem neuen Arzt war.

    Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.
    (Timothy Snyders „Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand“)

  • Mir gefällt der Artikel und ich werde versuchen, dem Looping-Effekt ein Schnippchen zu schlagen (RW).

    Wenn ich sowas lese, bin ich einerseits froh, ohne Computer aufgewachsen zu sein, andererseits erinnere ich mich an das Gefühl, als ich meinen ersten Computer hatte, und mich fragte, wie ich ohne das überleben konnte.

    Ich erzähl jetzt noch einen Schwank aus meiner Kindheit: Ich habe mich auf den Kindergarten gefreut. Ich lief die paar 100 Meter mit einem Nachbarsmädchen, und sie schimpfte die ganze Zeit über ein anderes Mädchen. Als wir dort waren, lief sie auf dieses Mädchen zu und sie waren die besten Freundinnen.
    Ich schloss daraus, dass Mädchen doof sind und machte mir mit diesem und ähnlichen Gedanken die ganze Kindergarten-Sozialisation kaputt. Ich konnte mit denen nichts anfangen, wollte trotzdem nicht alleine sein, es wollte aber auch niemand mit mir spielen.

    Und genau dieses Ding versteh ich bis heute nicht: "Wir sagen das und meinen jenes und jetzt kommt wieder die Maus und will diskutieren, das ist uns viel zu anstrengend". (Dabei wollte ich ja nur verstehen.)

    Eine Sonnenbrille würde ich manchmal gerne tragen, aber ich hasse es, dass dann alles dunkel ist. Ich habe mir mal eine gelbe Brille bestellt, aber die ist so unbequem, dass ich sie nie trage. Mit Kopfhörern hingegen lief ich auch bereits in meiner Jugend herum, damals hiess das Walk-Man und lief zu Beginn sogar noch mit Kasetten, und meine Mutter sagte Dinge wie ich höre das Gras wachsen.

    Es ist nicht so, dass in letzter Zeit etwas stärker geworden ist, ich war noch nie "in der Gesellschaft". Wenn es gut lief, hatte ich einzelne Freundschaften. Ich war auch vor ewa 25 Jahren in einem Computer-Club. Ich interessierte mich durchaus für Computer, wusste aber auch, dass ich dort bin, weil ich die Leute so angenehm fand. Ich nannte das für mich irgendwie so wie "Einzelgänger sind doch die interessantesten Menschen".

    Da ich die ja mochte, war das immer positiv besetzt für mich. Dafür brauchte ich keine Neurodivergenten-Bewegung.

    Dass die "gesunde Trauer nach einem Todesfall" von einem Jahr auf zwei Wochen geschrumpft ist, ist schon etwas extrem. Ich kenne die Entwicklung in den Kriterien für Autismus nicht. Da werde ich mich informieren.

    Edited 2 times, last by Maus (June 5, 2026 at 8:30 AM).

  • Ein durchaus interessanter Artikel. Könnte das der Effekt sein, der gerne als Mode-Diagnose beschrieben wird? Durch Looping ändert sich das Verständnis der Störung, so dass mehr Leute drunter fallen, auch weil sie gegenüber dem Arzt Aspekte erwähnen, die sie ohne vorherige Kenntnis nicht erwähnt hätten und die der Arzt nicht von sich aus abgefragt hätte.

    Das die Diagnose etwas mit einem macht steht für mich außer Frage. Ich selbst fand mich danach in einer massiven Trauerkurve wieder. Inzwischen habe ich die Sache akzeptiert und nutze sie um mir zu helfen. Beispielsweise habe ich es inzwischen gelernt, dass ich durchaus Veranstaltungen in einem riesigen Veranstaltungsgebäude (10000+ Leute) hier in der Gegend besuchen kann, wenn ich mich entsprechend vorbereite und an eine Karte komme, die z.B. einen separaten Eingang erlaubt oder gar Logenzugang. Unten in der Mitte stehen ist weiterhin undenkbar, aber ich bin nicht von vornherein ausgeschlossen.

    Beim Arzt würde ich die ASS-Diagnose derzeit nur erwähnen, wenn es unbedingt notwendig scheint. Die Hausarztpraxis hier finde ich mittelmäßig, aber es ist die Einzige hier.

  • Ich identifiziere mich nicht über meine ASS-Diagnose (auch nicht die ADHS-Diagnose). Aber die Diagnose hat mir geholfen besser zu verstehen, warum mein Leben so verlaufen ist, wie es ist. Ich bin derzeit immer noch etwas in der Findungs- und Verarbeitungsphase, da 45 Jahre erstmal aufgearbeitet werden müssen).

    Aber ich verstehe die Reaktionen meiner Umwelt auf meine Person nun besser und verstehe nun auch, warum ich in bestimmten Situationen anders reagiere, als der Durchschnittsbürger. Natürlich kämpfe ich hin und wieder auch mit Fragen wie "Warum ich?" oder "Was wäre, wenn ich normal wäre?". Aber hilft ja nichts.

    Und ich verstehe bzw. kenne endlich meine, nennen wir es mal autismusspezifischen Bedürfnisse. Also mein vermehrtes Ruhebedürfnis, das Bedürfnis nach dem Alleinsein. Ich muss mir nun keine unnötigen Gedanken mehr machen, was mit mir nicht stimmt, warum werde ich abgelehnt, warum empfinde ich so etc. etc.. Ich habe endlich eine Erklärung dafür gefunden. Solche Gedankengänge haben mich in der Vergangenheit viel Kraft gekostet.

    Die Situation ist natürlich trotzdem wie sie ist. Ich muss aber nun meinen Platz in der Welt finden, vielleicht nicht "den Platz in der Gesellschaft", sondern irgendwo in den Randbereichen. Auch das wird noch ein längerer Prozess, aber er kann zumindest starten.

  • Ich habe das auch schon beobachtet (in real Life) dass Leute nach ihrer Diagnose plötzlich dauernd Sonnenbrille und Kopfhörer tragen.

    weeil sie es jetzt offiziell "dürfen" und die übliche internalisierte Antwort "Stell Dich nicht so an! Andere tun es ja auch!" ihre Spitze verloren hat. Dank Diagnose kann man jetzt endlich die "aber andere sind auch anders!" Karte ziehen, ohne dass einem das Über-ich reingrätscht. Insofern ist die neuroqueere Identität, die man jetzt 'ungestraft' annehmen kann definitiv ein Identitätsbooster.

    in den Worten von Garry Larsen: "Well, I'll be darned! He really DOES have a license to do that!".

    (Cartoon nicht eingebunden weil Copyrightbedenken)

  • Eine Sonnenbrille tragen ist doch nichts womit man auffällt?

    Kopfhörer schon eher, zumindest wenn es die dicken Over Ear sind.


    Also ich hatte mich auch vor der Diagnoser schon so verhalten dass ich ungern rausging, wenig soziale Kontakte, intensive Beschäftigung mit einem bestimmten Thema, also das war allles vorher schon sichtbar. Manchmal gab es deswegen Kritik und ich konnte dann nur sagen: So war ich schon immer. Die Diagnose hat die Kritik teilweise reduziert (bei meinem Partner Ja, bei meinem Vater Nein). Aber es ist nicht so dass ich mir "so zu sein" erst erlaubt habe als ich die Diagnose hatte. Ich war schon vorher so. Es ging gar nicht anders.

  • und apropos "Ian Hacking": Der ist mir auch gerade in Bezug auf die schwierige Kommunikation zwischen AS und NT über den Bildschirm gelaufen:

    Wer ist Ian Hacking, und was bedeutet "hermeneutical injustice"?

    Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.
    (Timothy Snyders „Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand“)

  • Wer ist Ian Hacking, und was bedeutet "hermeneutical injustice"?

    Ian Hacking ist ein Kommunikationsphilosoph, den auch der Autor des von Dir verlinkten Artikels zitiert hat. Und "hermeneutical injustice" ist einfach die Tatsache, dass NTs sich üblicherweise untereinander glauben, wenn sie von ihren persönlichen Erfahrungen sprechen (obwohl natürlich nur ich meine Erfahrungen haben kann, und es unmöglich ist, auf diese Erfahrung zu zeigen sind NTs untereinander ähnlich genug, dass sie über die Jahrhunderte eine Sprache zur Kommunikation interner Zustände entwickelt haben), während AS in ihrer internen Repräsentation eben nicht geglaubt wird, da diese interne Repräsenation eben nicht den kulturellen Standardmustern und physiologischen Reflexen der NTs folgt. Und so "fehlt uns eine Sprache" zur Beschreibung unserer Zustende, bzw wir müssen sie immer erst mühsam und bezugnehmend auf trotz allem gemeinsame Erfahrungen mit unserem Gegenüber entwickeln.

    Triviales Beispiel Lars in der Notaufnahme. Lars: Au! Wahrscheinlich Leber. Arzt: Wollen wir mal sehen .... Arzt drückt. Lars zuckt nicht, Arzt schließt, dass es Leber nicht sein kann... War es natürlich doch, aber Lars hat den Druck ja kommen sehen und musste darum nicht drauf reagieren. Und nein, in Situation ist idR keine Zeit, den Arzt erst mal aufwändig weiterzubilden. Verschwendet ja auch irgendwie seine und meine Zeit.

  • Okay, also dann ist einfach gemeint, dass das, was einem fremd ist, mehr Erklärung braucht, weil man es nicht aus eigener Erfahrung kennt und ggf. sogar der eigenen Erfahrung widerspricht. Man kann es Ungerechtigkeit nennen, aber es ist halt menschlich. Wenn mir jemand erklärt, wie sich MS oder Parkinson anfühlt, kann ich das auch nicht immer auf Anhieb nachvollziehen. Man versucht, einen Anknüpfungspunkt bei seinen eigenen Erfahrungen zu finden, der vielleicht dem nahe kommt, was der andere beschreibt. Aber es bleibt meistens unvollkommen.

    Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.
    (Timothy Snyders „Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand“)

  • Okay, also dann ist einfach gemeint, dass das, was einem fremd ist, mehr Erklärung braucht, weil man es nicht aus eigener Erfahrung kennt und ggf. sogar der eigenen Erfahrung widerspricht. Man kann es Ungerechtigkeit nennen, aber es ist halt menschlich. Wenn mir jemand erklärt, wie sich MS oder Parkinson anfühlt, kann ich das auch nicht immer auf Anhieb nachvollziehen. Man versucht, einen Anknüpfungspunkt bei seinen eigenen Erfahrungen zu finden, der vielleicht dem nahe kommt, was der andere beschreibt. Aber es bleibt meistens unvollkommen.

    Das Problem ist halt der Teil mit dem "Widerspricht". Der gemeine NT denkt halt "Du magst andere Dinge fühlen als ich, aber Du fühlst sie auf die gleiche Weise" und die ganze Sprache der Umgebungskultur ist auf diese "gleiche Weise" des Fühlens ausgerichtet. Und im Ergebnis glaubt mir mein Gegenüber meine Erfahrung nicht, selbst wenn ich sie ihm erkläre, weil diese Erfahrung eben dem widerspricht, was "jeder weiß". Abgesehen natürlich davon, dass die Erklärung meist auf popkulturelle Artefakte weist (Mythen sind hochkomprimierte Trainingsdaten), die mein Gegenüber nicht kennt. Argh.

  • Man muss doch erstmal checken, dass man die Welt anders wahrnimmt als andere. Ich habe früher z.B auch bei Schmerzen nie geweint. Das fanden andere komisch. Wenn ich Schmerzen hatte, musste ich direkt ins Krankenhaus. Das ändert ja trotzdem nichts daran, dass man sich etwas gebrochen hat.

  • im Ergebnis glaubt mir mein Gegenüber meine Erfahrung nicht, selbst wenn ich sie ihm erkläre, weil diese Erfahrung eben dem widerspricht, was "jeder weiß"

    Das kann passieren. Wenn eine Diagnose bekannt ist, kann es manchmal helfen, aber auch nicht immer. Manches bleibt unerklärbar, egal wie wohlwollend ein Zuhörer ist. Zum Beispiel war ich mal nach 3 Umzügen traumatisiert, würde ich sagen (obwohl es ein großes Wort ist), aber verstehen kann das niemand, weil normalerweise niemand von einem Umzug traumatisiert ist. Wenn andere Leute mal einen "Nervenzusammenbruch" hatten, gehen sie gleich in Reha. Wenn ich das habe, gehe ich am nächsten Tag wieder arbeiten, schon deshalb weil ich den Nervenzusammenbruch nicht erklären kann und ja eigentlich "nichts war". Ja, es stimmt schon, dass man oft unverstanden bleibt.

    Man muss doch erstmal checken, dass man die Welt anders wahrnimmt als andere.

    Ja, und andersrum, dass die anderen die Welt anders wahrnehmen und man deshalb viel mehr erklären muss. Bis dahin wundert man sich nur, warum nichts klappt, und denkt, man sei selbst daran schuld oder vom Pech verfolgt. Einen gebrochenen Knochen kann jeder sehen, spätestens beim Röntgen. Aber es gibt noch sehr vieles, was man nicht sehen kann.

    Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.
    (Timothy Snyders „Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand“)

  • Man muss doch erstmal checken, dass man die Welt anders wahrnimmt als andere.

    Und noch viel schlimmer, die 2nd order theory of mind haben, zu verstehen, dass andere nicht davon ausgehen, dass Dritte die Welt anders wahrnehmen als sie, also eben nicht nach der Regel "Andere Leute sind anders!" handeln. Ist immer wieder lustig, wie viel die NT-Gesellschaft von mir 2nd order ToM verlangt, z.B. modellieren zu müssen, wie sich der Entwickler den Durchschnittsuser vorstellt, um raten zu können, hinter welchem Icon oder Menu welche Funktion versteckt ist, obwohl ein Baron-Cohen doch mal festgestellt hat, dass ich genau in diesem Department meine Schwächen habe 😛. Am Einfachsten ist es da dann, die ganze Kultur zu modellieren, die den Entwickler hervorgebracht hat ... und NTs denken, ich hätte Schwierigkeiten, die Intentionen anderer Leute zu verstehen. Little did they know.

    zum Glück hat sich die Forschung inzwischen weiter entwickelt: https://www.researchgate.net/profile/Damian…thy-problem.pdf

    Edited once, last by Lars77 (June 24, 2026 at 1:34 PM).

  • Bei mir ist es so, wenn ich Schmerzen habe und zum Arzt gehe, dann ist die Überforderung derart groß, durch das Warten, die Reize und das Formulieren-Müssen, dass ich meine Schmerzen nicht mehr wahrnehme. Das war schon seit der Kindheit so. Selbst als ich einen heftigen Hundebiss am Arm hatte, hatte ich das nicht gespürt und da war ein großes Loch in meinem Arm.
    Ich hatte das selbst bei extremen Schmerzen. Das ist ein großes Problem, weil ich bei einer Untersuchung nicht wie ein NT reagiere, weder von der Mimik her, noch von den normalen Schmerzgeräuschen, noch von den Körperreaktion. Es wird dementsprechend als Simulieren von außen wahrgenommen.
    Das ist ein Schutzmechanismus. Da ich jetzt weiß, woran es liegt, habe ich die Möglichkeit, das zu äußern und kann Verständnis einfordern.

  • Das ist ein großes Problem, weil ich bei einer Untersuchung nicht wie ein NT reagiere, weder von der Mimik her, noch von den normalen Schmerzgeräuschen, noch von den Körperreaktion. Es wird dementsprechend als Simulieren von außen wahrgenommen.

    Das tut mir leid, dass du damals nicht ernst genommen wurdest. Meine Eltern wussten zum Glück meist, dass ich nicht simuliere. Manche Dinge waren bei mir dann doch recht offensichtlich. Wenn ich zum Beispiel 40 Grad Fieber hatte, bin ich teilweise noch fröhlich wie ein Flummi durch die Gegend gehüpft. Meine Mutter hat dann meine Stirn angefasst und wir sind direkt in die Notaufnahme gefahren.

    Im Erwachsenenalter finde ich es allerdings deutlich schwieriger. Wenn man versucht, seinen Leidensdruck zu erklären, die Mimik dabei eher flach bleibt und die Gestik ausbleibt, wird man manchmal nicht so ernst genommen, wie man es sich wünschen würde.

    Bevor ich meine Therapie begonnen habe, war ich zunächst bei der psychologischen Studienberatung. Dort habe ich meine Probleme geschildert und mich am Ende des Gesprächs dazu entschieden, eine „richtige“ Therapie zu beginnen. Als ich das sagte, wurde ich allerdings gefragt, ob ich denn überhaupt wirklich leide und ob eine Therapie tatsächlich notwendig sei. Ich hatte das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen.

    Bei meiner Therapeutin ist das zum Glück ganz anders. Sie ist sehr verständnisvoll und kennt sich mit solchen Themen aus. Auch wenn ich nicht weine oder meine Emotionen nicht besonders deutlich zeige, nimmt sie meinen Leidensdruck ernst. Tatsächlich sagt sie mir sogar selbst, dass ich nicht ständig über meine Grenzen gehen sollte, weil das auf Dauer ungesund ist. Ich mache das ja freiwillig, aber es tut gut, dass sie mich nicht zu irgendetwas drängt oder irgendetwas von mir erwartet, was ich nicht "kann".

    Außerdem bin ich froh, dass sie versteht, dass ich anders reagiere als andere Menschen. Sie war schließlich auch diejenige, die das Thema Autismus bei mir angesprochen hat.

  • Und noch viel schlimmer, die 2nd order theory of mind haben, zu verstehen, dass andere nicht davon ausgehen, dass Dritte die Welt anders wahrnehmen als sie, also eben nicht nach der Regel "Andere Leute sind anders!" handeln. Ist immer wieder lustig, wie viel die NT-Gesellschaft von mir 2nd order ToM verlangt, z.B. modellieren zu müssen, wie sich der Entwickler den Durchschnittsuser vorstellt, um raten zu können, hinter welchem Icon oder Menu welche Funktion versteckt ist, obwohl ein Baron-Cohen doch mal festgestellt hat, dass ich genau in diesem Department meine Schwächen habe 😛. Am Einfachsten ist es da dann, die ganze Kultur zu modellieren, die den Entwickler hervorgebracht hat ... und NTs denken, ich hätte Schwierigkeiten, die Intentionen anderer Leute zu verstehen. Little did they know.

    Bei mir hieß es, ich wirke/verhalte mich „seltsam“, was oft als Desinteresse o. Ä. interpretiert wurde. Ich wusste jedoch nicht, was ich falsch mache, bekam dafür aber Ärger. Irgendwann, mit 13 Jahren, befahl mir mein Gesprächspartner, ich solle ihm doch endlich mal ins Gesicht schauen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass Menschen sich während eines Gesprächs überhaupt anschauen, lol.

    Auch heute lerne ich immer noch viele Dinge dazu, die für NTs wohl selbstverständlich sind. NTs machen den Perspektivwechsel wohl auch nicht in dem Sinne, dass sie verstehen, dass es Menschen gibt, die bestimmte Dinge vielleicht gar nicht wissen können oder bei denen bestimmte Dinge eben nicht intuitiv ablaufen.

    Interessanterweise habe ich sehr viel Verständnis für andere und verurteile niemanden, weil ich in dem Sinne eine ToM-Fähigkeit besitze, zu wissen, dass man nie die Hintergründe kennt, warum eine Person sich auf eine bestimmte Art und Weise verhält. Wenn jemand im Unterricht schläft, würde ich niemals diese Person auslachen, weil man ja nicht weiß, was sie gerade durchmacht. Da habe ich, glaube ich, mehr Empathie als manche NTs, weil ich eben weiß, wie es sich anfühlt, für etwas kritisiert oder ausgeschlossen zu werden oder wenn sich Leute über einen lustig machen – für Eigenschaften, die man hat oder eben nicht hat.

  • Interessanterweise habe ich sehr viel Verständnis für andere und verurteile niemanden, weil ich in dem Sinne eine ToM-Fähigkeit besitze, zu wissen, dass man nie die Hintergründe kennt, warum eine Person sich auf eine bestimmte Art und Weise verhält.

    Das Geschriebene spricht mir aus der Seele. Ich wende das selbst an, wenn sich jemand mir gegenüber schlecht verhält. Das schadet mir im Grunde auch, weil ich mir lange nicht eingestanden habe, dass ich darüber negativ eingestellt werden sollte bzw. dürfe. Ich habe dementsprechend meine Wut unterdrückt. Ich habe mir dementsprechend Verantwortung aufgebürdet und ihr die Verantwortung abgesprochen.

    Dadurch hat sich viel in mir aufgestaut, was ich nun verarbeiten und analysieren muss. Heißt, ich darf mich nicht selbst aufgeben, um andere durch Verständnis zu schützen.

    Verständnis hat nichts mit vergeben zu tun. Ein Täter ist ein Täter. Den Hintergrund zu verstehen, sollte nicht zur Folge haben, dass man die Tat relativiert.

  • Im Erwachsenenalter finde ich es allerdings deutlich schwieriger. Wenn man versucht, seinen Leidensdruck zu erklären, die Mimik dabei eher flach bleibt und die Gestik ausbleibt, wird man manchmal nicht so ernst genommen, wie man es sich wünschen würde.

    Meine Erfahrung ist dagegen, dass man mich dann für depressiv hält (wenig Mimik, wenig "Mitschwingen").

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