Diagnosen als "Identitätsbooster"?

  • Booster ist überspitzt formuliert, man könnte auch sagen als Identitätsgeber, aber auch als Identitätsgefängnis, wenn man sich zu sehr mit einer Diagnose identifiziert. Wahrscheinlich ist das ein kontroverses Thema, weil sich jeder im Grunde fragen könnte, ob auch er schon zu denen gehört, die sich eine Diagnose als Identitätsstifter suchen. Also ich selbst auch, aber dazu später mehr.

    Zum besseren Verständnis würde ich vorab diesen Artikel empfehlen: https://www.psychotherapeutenjournal.de/2025/1/ptj202501.001

    Der Artikel beschreibt es besser, als ich es kann und geht auch mehr in die Tiefe.

    "Der Alltag wird zur Fundgrube für Krankheitssymptome."

    Ich habe den Eindruck, dass die Schwelle für Diagnosen gesunken ist, und dass irgendwann in den letzten Jahren die Grenze überschritten wurde, bis zu der das sinnvoll war, um auch leichtere Fälle zu erkennen. Damit meine ich, dass Leute für normale Dinge heutzutage schon Diagnosen wollen oder glauben zu brauchen, für kleine menschliche Eigenheiten, die nicht wirklich vom Durchschnitt abweichen und keine Probleme verursachen, die über durchschnittliche Probleme hinausgehen, die jeder Mensch haben kann. Manche bilden/reden sich sogar Symptome ein, die sie gar nicht haben. Man ist wohl zu sehr auf der Suche nach einem Label, weil man nicht mehr einfach nur normal sein will. Hat man sich das Label gegeben, dann verstärkt sich die Aufmerksamkeit für weitere mögliche Symptome, man nimmt verstärkt Schwierigkeiten wahr und übersieht Stärken. Sodass der Effekt beinah unbemerkt sich ins Negative wenden kann.

    Es könnte ein Internetphänomen sein (im Sinne dass die Leute dann den Rechner ausmachen und schlagartig wieder normal sind), aber ich glaube nicht, dass solche Dinge auf das Internet beschränkt bleiben, wenn die Leute sich ersteinmal mit bestimmten Diagnosen identifizieren. Sie gehen dann auch zu Diagnostikstellen, und dort fällt das ja auch auf. Es gab schon Artikel darüber, sowohl in Bezug auf ADHS und Autismus als auch in Bezug auf andere Diagnosen wie diese Sache mit den Tics (Tiktok-Tourette).

    Problematisch ist dabei, dass die Leute, die eine Diagnose wirklich haben, nicht mehr ernstgenommen werden, wenn sich sowas häuft und bekannt wird. So wie es auch schon passieren kann, dass einem gesagt wird "ach, du hast jetzt auch Autismus/ADHS" und man automatisch in die Modediagnosen- und Spinnerschublade gesteckt wird. Dabei hat man die Diagnose vielleicht schon sehr viele Jahre, aber bekommt plötzlich Hemmungen, sie offen zu sagen, obwohl Offenheit eigentlich helfen könnte, wenn man dann damit auch ernstgenommen werden würde. So schadet dieses ganze Phänomen den Leuten, die wirklich krank sind. Das Wort krank benutze ich auch ganz bewusst.

    Die vielen Youtube-Kanäle u.ä. von (angeblich) Betroffenen machen es nicht besser. Ich würde mir fast wünschen, Autismus wäre weniger bekannt, also eher wieder den Zustand vor 15 oder 20 Jahren, der ja auf andere Weise auch nicht optimal war. Aber man hatte damals eher die Chance, durch Aufklärung ernstgenommen zu werden als jetzt. Inzwischen, muss ich sagen, behalte ich meine Diagnose wirklich lieber für mich, das war noch vor ein bis zwei Jahren anders. Den Spruch "heute hat doch jeder Autismus" habe ich selbst auch schon gehört.

    Ja, und woher weiß man jetzt, ob man nicht bereits selbst ein Teil dieses Phänomens ist?

    Gerade Diagnose-Zweifler werden schnell ins Grübeln kommen. Vermutlich kann man nur schauen, ob man denn Symptome schon "vor dem Internet" gehabt hat (falls man alt genug dafür ist), und ob die Symptome, die man bei sich wahrnimmt, auch zu tatsächlichen Auswirkungen im Lebenslauf geführt haben, sodass man beruflich oder privat nicht das Leben führen kann, das man eigentlich führen will. Eine vorzeitige Berentung oder ein Dauersingledasein oder einfach das "Gesamtpaket" ist zumindest ein Hinweis auf irgendein reales und relevantes Problem. Hat ein Arzt eine Diagnose gestellt, kann das auch ein Hinweis sein, dass da wirklich was ist, wobei ich da nicht für jeden Arzt bürgen würde.

    Unabhängig davon kann man, auch wenn die Diagnose stimmt, versuchen, die Diagnose weniger als Identität zu sehen, sondern als einen Aspekt der Person von mehreren. Eine Diagnose ist keine Identität, man ist viel mehr als das. Man sollte versuchen, die eigenen Stärken, Charakterzüge und Wünsche/Träume unabhängig von der Diagnose zu sehen. Also die Diagnose auf das Maß zurückstutzen, das ihr zusteht. Ich glaube, es geht einem dann besser.

    Welche Gedanken habt ihr bei diesem Thema?

    Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.
    (Timothy Snyders „Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand“)

  • Hat ein Arzt eine Diagnose gestellt, kann das auch ein Hinweis sein, dass da wirklich was ist, wobei ich da nicht für jeden Arzt bürgen würde.

    Ganz gewiss nicht. Es gibt leider Ärzte welche die Positiv-Diagnosen "verschenken".

    Ich gehe da mit Dir d'accord. Mittlerweile kann ich aber meine Diagnose glauben. Sie wurde ja mehrfach bestätigt und ich bin vom Dr. Riedel ja sogar ausgelacht worden für meine Zweifel. 🙈

    Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde.

  • Eine Diagnose ist keine Identität, man ist viel mehr als das.

    Zu meinem Glück habe ich eine Therapeutin die gar nicht mit Diagnosen arbeitet.

    Sondern mit dem, was sie unmittelbar mitbekommt und sieht.

    Dennoch bekomme ich durch sie mit daß das, was sie bei mir sieht, bei vielen Menschen vorkommt, die Diagnosen im "neurodiversen Spektrum" erhalten. Sie war nicht erstaunt, daß ich eine Asperger Diagnose erhalten hatte.

  • Ich finde den Artikel und den Thread super interessant. Ich komme ebenfalls aus der „jüngeren“ Generation und habe beide Diagnosen (ASS/ADS). Als der Verdacht von meiner Therapeutin aufkam, habe ich mich überhaupt erst intensiver mit dem Thema beschäftigt. Zunächst habe ich die Leitlinien und Diagnosekriterien gelesen und meine Mutter zu meiner Kindheit befragt. Danach habe ich auf Social Media nach Videos von Betroffenen geschaut, um herauszufinden, ob ich mich grundsätzlich damit identifizieren kann.

    Das Problem war, dass ich es zunächst überhaupt nicht konnte. Fast hätte mich das sogar davon abgehalten, eine Diagnostik machen zu lassen.

    Für die ADS-Diagnose bin ich heute sehr dankbar, weil ich dadurch Zugang zu Medikamenten bekommen habe, die mein Leben verbessert hat. Diese Diagnose ist für mich funktional gesehen die hilfreichste, unabhängig davon, ob meine Symptome letztlich besser durch ADS oder ASS oder beides erklärt werden können.

    Bei ASS war das anders. Bevor ich überhaupt eine Diagnose hatte, und ehrlich gesagt habe ich die ASS-Diagnose auch nicht wirklich freiwillig beim Psychiater bekommen, sagte meine Therapeutin irgendwann zu mir, dass ich im autistischen Spektrum sei. Das hat mich ziemlich gestresst. Natürlich wurden vor allem die positiven Seiten hervorgehoben, aber ich mochte den Gedanken nicht, als „anders“ wahrgenommen zu werden. Das wurde ich ohnehin schon oft genug. Und Autismus wird häufig genau damit verbunden.

    Trotzdem hinterfrage ich bis heute immer wieder, ob ich mir manches vielleicht einbilde oder mich in etwas hineinsteigere. Ich merke nämlich, dass ich seit der Diagnostik viele Defizite viel stärker wahrnehme. Am Ende meiner ADS-Diagnostik wurde mir beispielsweise gesagt, wie „defizitär“ ich sozial sei. Seitdem habe ich eigentlich überhaupt keine Lust mehr, mich mit Diagnosen zu „outen“, selbst dann nicht, wenn sie als etwas Besonderes oder Positives dargestellt werden. Es ist mir einfach zu viel Aufmerksamkeit.

    Meine Therapeutin sieht dieses ständige Grübeln und Hinterfragen als Hinweis auf ASS. Ich persönlich finde aber, dass das nicht zwangsläufig so sein muss. Man kann auch einfach reflektiert sein und sich fragen, ob Medien oder andere Einflüsse dazu beigetragen haben, dass man bestimmte Symptome bei sich stärker wahrnimmt.

    Manchmal habe ich auch Sorge, zu den „Identitätssuchern“ zu gehören. Schließlich erklärt die Diagnose vieles. Wenn ich hier im Forum lese, denke ich oft: „Ja, genau so ist das bei mir auch!“ Gleichzeitig frage ich mich dann wieder, ob das vielleicht nur ein Barnum-Effekt ist. Dann suche ich erneut nach Gründen, die gegen die Diagnose sprechen.

    Für mich ist es deshalb besser, mich nicht zu stark mit einer Diagnose zu identifizieren, zumindest momentan nicht. Ich habe Angst vor einer selbsterfüllenden Prophezeiung, gerade weil ASS als nicht behandelbar gilt. Deshalb wissen auch nur mein Partner und meine Eltern davon. Außerdem habe ich Sorge, nicht ernst genommen zu werden, falls ich doch einmal offener damit umgehen sollte.

    Ich sehe das ähnlich wie du. Man sollte sich vor allem auf Stärken konzentrieren und nicht ausschließlich auf Defizite. Weil ich so viel gegrübelt habe, hat meine Therapeutin irgendwann aufgehört, die Diagnosen überhaupt noch zu thematisieren. Stattdessen konzentrieren wir uns auf die Behandlung. Sie meinte einmal, für sie stehe der Mensch im Vordergrund und nicht die Diagnose.

    Interessant fand ich auch eine Situation während meiner ADS-Abklärung. Bei einem Screening lag ich unter den Grenzwerten. Daraufhin sagte meine Therapeutin: „Leider darf ich Ihnen die Diagnose nicht geben. Lassen Sie das bitte noch einmal ausführlicher überprüfen.“ Dieses „leider“ fand ich komisch. Es klang so, als würden viele Patienten sich eine Diagnose wünschen. Ich habe mich damals gefragt, warum sie davon ausgegangen ist, dass ich überhaupt eine wollte. Mir war das zu dem Zeitpunkt eigentlich egal.

    Mittlerweile bringt mir die ADS-Diagnose natürlich etwas, weil sie mir Zugang zu einer wirksamen Behandlung verschafft hat. Trotzdem finde ich, dass Diagnosen vor allem funktional betrachtet werden sollten: Was hilft dem Menschen? Welche Unterstützung ermöglicht die Diagnose? Sie sollten nicht zum Kern der eigenen Identität werden.

    Grundsätzlich finde ich es gut, dass die Diagnosekriterien im ICD-11 bei Themen wie ADHS, ASS oder PTBS etwas flexibler geworden sind. Dadurch werden Betroffene öfter "erkannt". Ohne die angepassten ADHS-Kriterien hätte ich vermutlich nie Zugang zu einer Medikation bekommen, die mir hilft.

    Die Probleme sehe ich eher bei Social Media und teilweise auch bei der Qualität mancher Diagnostiken. Wenn zu viel Interpretationsspielraum entsteht, liegt das nicht automatisch an den Diagnosekriterien selbst. Diagnostiker sollten sich schließlich an diese Kriterien halten. Manche sind dabei vielleicht zu großzügig, andere wiederum arbeiten noch mit sehr veralteten Vorstellungen von ASS oder ADHS.

    Ich glaube deshalb, dass wir aktuell in einer Situation sind, in der gleichzeitig überdiagnostiziert und unterdiagnostiziert wird.

    Aufklärung finde ich wichtig, aber sie sollte möglichst faktenbasiert erfolgen. Ich sehe die Gefahr, dass manche Betroffene sich aufgrund des aktuellen Bildes von ASS oder ADHS in den Medien gar nicht mehr wiedererkennen und deshalb keine Hilfe suchen. Gleichzeitig gibt es vielleicht auch Menschen, die sich stark mit den Darstellungen identifizieren und deshalb eine Diagnostik anstreben, obwohl die Wahrscheinlichkeit eher gering ist, dass tatsächlich eine entsprechende Störung vorliegt.

  • Den Text hat im alten Forum mal jemand verlinkt, oder war ich das sogar selbst, weiß ich nicht mehr, jedenfalls erinnerte ich mich noch an ihn. Ist sehr interessant und klärt vieles.


    Ja, Diagnosen machen was mit einem, selbst dann, wenn man es nicht will. Und das lesen von Informationen oder Foren zu der Störung bzw das sehen von Videos ist wie das Lesen von Horoskopen: jeder findet was, wo er denkt "das stimmt!".


    Ja, und woher weiß man jetzt, ob man nicht bereits selbst ein Teil dieses Phänomens ist?

    Wir sind Teil davon. Lauter VA lesen unsere Symptombeschreibungen, wir stecken sie damit an, und auch gegenseitig stecken wir uns mit bestimmten Symptomen an.


    Den Begriff "Identitätsgefängnis" finde ich übrigens ziemlich treffend.

    Edited 2 times, last by Neoni (June 3, 2026 at 4:23 PM).

  • Ich fühle mich nicht in einem Identitätsgefängnis.

    Es stellt sich erstmal die Frage: Was ist eine Identität und wann entwickelt sich diese?

    Das Wort Identität leitet sich von Idem ab, was bedeutet: derselbe; dasselbe = Deckungsgleich mit sich selbst.

    Jeder ist ein Individuum, es gibt niemanden der exakt wie eine Person ist. Wann ergibt sich das? Direkt im Mutterleib. Ich verstehe eine Identität, als das, was man ist und das beinhaltet alles (z.B. Entwicklung, Erfahrung, Prägung, Krankheit, ja sogar das Gehirn). Also sehe ich die Diagnose als Teil der Identität.

    Wenn ich nicht wüsste, was dahinter steckt, dass ich mich immer anders gefühlt hatte und starke Probleme hatte, dann würde mir ein Puzzleteil fehlen. Genauso wichtig ist für mich die ADHS Diagnostik, denn sie erklärt mir vieles und kann dafür sorgen, dass ich mich besser verstehe und auch bestimmte Dinge verbessern oder verändern kann. Ich kann Anpassungen vornehmen, weil ich dann besser verstehe, was mir gut tut, was zu Unkonzentriertheit führt und was die Konzentration verbessert. Ich kann mich besser schützen, wenn ich mich verstehe.

    Ich empfinde die Diagnose wichtig dafür, auch um gezielt Hilfe von Spezialisten zu erhalten, die mir diesbezüglich Input geben können und mich verstehen, was sonst für Außenstehende und selbst für die Familie schwer ist.

    Dann ist für mich auch der Aspekt wichtig, dass ich meinen Sohn dadurch besser helfen kann. Wenn ich mich verstehe, verstehe ich auch ihn besser und wir können uns gegenseitig helfen, in dem wir über Probleme sprechen, sie verstehen lernen und Lösungen finden können.

    Ich sehe die Diagnostik als Chance auf ein besseres Leben, auch wenn sie für mich eine extreme Belastung war.

    Ich befand mich vor der Diagnose eher in einem Gefängnis, weil mich keiner sah und ich mich selbst auch nicht.

    Sicherlich gibt es dazu aber auch andere Meinungen. Das ist ok. Es muss niemand meine Meinung tragen. Mir gibt sie ein Leben, das vorher keins war.

  • "Identitätsgefängnis" verstehe ich nicht so, dass man nicht froh über die Diagnose sein darf. Aber ich habe Leute beobachtet die fortan quasi "Berufsautisten" waren und die nie etwas tun würde, was in der Community als "un-autistisch" gilt. Zb Partnerschaften nicht versuchen(trotz Angebote) weil sie das ja nicht können (meine nicht dich Shenya), oder nicht verreisen weil das "echten" Autisten ja so schwer fällt, oder nicht auf Partys, Kneipen oder Clubs gehen. Leute die halt ihre Jugend verpassen weil sie so damit beschäftigt sind, auch ja echt autistisch zu sein. Und das hat mich zum Nachdenken gebracht. Vielleicht habe ich das ja auch falsch beobachtet, liege falsch, aber das ist es an was ich bei "Identitätsgefängnis" dachte.

  • Zb Partnerschaften nicht versuchen(trotz Angebote) weil sie das ja nicht können (meine nicht dich Shenya), oder nicht verreisen weil das "echten" Autisten ja so schwer fällt, oder nicht auf Partys, Kneipen oder Clubs gehen.

    Meinst du, dass das etwas mit einer selbsterfüllenden Prophezeiung hinsichtlich einer defizitären Wahrnehmung bezüglich ASS zu tun haben könnte? Oder eher damit, dass manche Menschen Angst haben, durch solche Veränderungen nicht mehr als autistisch wahrgenommen zu werden, weil "Autisten machen das nicht" und dadurch einen Teil ihrer Identität zu verlieren?

  • Meinst du, dass das etwas mit einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu tun haben könnte? Oder eher damit, dass manche Menschen Angst haben, durch solche Veränderungen nicht mehr als autistisch wahrgenommen zu werden, weil "Autisten machen das nicht" und dadurch einen Teil ihrer Identität zu verlieren?

    beides ist möglich oder? Es muss kein "entweder-oder" sein, es kann auch ein "und" sein.


    Und ich bin ehrlich, ich war auch mal auf diesem Weg, erst als ich das bei anderen gesehen habe dachte ich, so sollte das nicht sein.

    Es war aber früher im Forum auch viel krasser mit den "echten" Autisten und den unechten, Fakes usw. Da ist es heute geradezu liberal.

  • Neoni Sicherlich gibt es Menschen, die sich auf der Diagnose ausruhen. Es als Bestätigung sehen für Dinge, die sie nicht können und meinen das nicht ändern zu können oder darauf Einfluss nehmen zu können. Das kann ich durchaus auch nachvollziehen und verurteilen möchte ich das auch nicht. Ich weiß sehr wohl, wie schwer das Alles ist.

    Ich gehöre nicht zu der Fraktion. Ich habe dadurch erkannt, dass ich Dinge kann, die ich vorher gedacht habe nicht zu können. Es erweitert meinen Horizont und bringt für mich viel Positives mit sich.

    Vielleicht liegt es bei mir auch daran, dass ich spät diagnostiziert bin, dass ich für Veränderungen und das Erlernen offener bin.

    Ich denke, wenn ich die Diagnose früher gehabt hätte, hätte ich mir beruflich bessere Chancen erarbeiten können. Mit 42 habe ich das trotzdem noch vor und gebe nicht auf. Vorher liegt aber noch ein weiter Weg vor mir.

  • Betreffend Clubs, Kneipen und Partys: Ich tanzte früher gerne, aber bevor es überhaupt losging und ich noch beim Fertigmachen war, schwitzte ich immer sehr und war tattrig, extrem aufgeregt.

    Ich konnte nicht herausfiltern, wenn jemand mit mir sprach. Alles überdeckte sich an Geräuschen. Ein Geräuschchaos.

    Ich denke rückblickend, dass ich da durchgehend überfordert und panisch war. Deshalb habe ich wohl immer durchgetanzt, um den Stress irgendwie abzubauen und Gespräche zu vermeiden. Der eigenen Schweiß und der der Anderen war für mich jedoch unangenehm und ich ekelte mich davor.

    Wenn mehrere gleichzeitig reden, weiß ich von mir, dass es Panik auslöst. Das überfordert mich extrem. Das konnte ich früher nicht einordnen und habe mich tatsächlich auch nicht bemüht richtig zuzuhören, das war wahrscheinlich instinktiv ein Schutz.

    Das ist etwas, dass ich mir tatsächlich nicht mehr antun würde, weil es einfach purer Stress war und das war kein positiver Stress. Da würde ich eher zum Selbstschutz tendieren.

  • Betreffend Clubs, Kneipen und Partys: Ich tanzte früher gerne, aber bevor es überhaupt losging und ich noch beim Fertigmachen war, schwitzte ich immer sehr und war tattrig, extrem aufgeregt.

    Ich konnte nicht herausfiltern, wenn jemand mit mir sprach. Alles überdeckte sich an Geräuschen. Ein Geräuschchaos.

    Ich denke rückblickend, dass ich da durchgehend überfordert und panisch war. Deshalb habe ich wohl immer durchgetanzt, um den Stress irgendwie abzubauen und Gespräche zu vermeiden. Der eigenen Schweiß und der der Anderen war für mich jedoch unangenehm und ich ekelte mich davor.

    Wenn mehrere gleichzeitig reden, weiß ich von mir, dass es Panik auslöst. Das überfordert mich extrem. Das konnte ich früher nicht einordnen und habe mich tatsächlich auch nicht bemüht richtig zuzuhören, das war wahrscheinlich instinktiv ein Schutz.

    Das ist etwas, dass ich mir tatsächlich nicht mehr antun würde, weil es einfach purer Stress war und das war kein positiver Stress. Da würde ich eher zum Selbstschutz tendieren.


    Ja du bewertest das jetzt rückblickend. Aber damals hast du das wohl nicht so gesehen sonst hättest du das doch einmal ausprobiert und dann nie wieder.

    Es besteht halt die Gefahr dass man seine Vergangenheit jetzt durch die Autismus-Brille quasi "um-schreibt". Sich in die Diagnose quasi hinein-interpretiert.

    Ich will dir da jetzt nicht zu nahe treten. Die Diagnose ist frisch und dann überstrahlt sie alles. Nach einigen Jahren gewinnt man wieder Abstand.

    Der Thread ist für Verdachtsautisten und Neudiagnostizierte wahrscheinlich ein Affront und evtl aufwühlend. Aber für andere sehr interessant.

  • Ich habe es auch ausprobiert, aber irgendwie hatte ich danach kein großes Bedürfnis mehr, deshalb ist das Ganze schon was her.

    Letztes Jahr hätte sich noch einmal die Gelegenheit mit zwei Freunden aus der Schulzeit ergeben. Wir hatten sogar geplant, in eine Disco zu gehen. Irgendwie hat mich die Vorstellung aber ziemlich gestresst und ich habe davon Bauchschmerzen bekommen und die Nacht vorher nicht schlafen können. Gleichzeitig habe ich mich nicht getraut, das anzusprechen, weil ich niemandem die Pläne verderben wollte.

    Wir saßen dann erst in einem Restaurant und haben Karten gespielt. Am Ende hatten wir aber alle keine Lust mehr auf die Disco, haben stattdessen weiter Karten gespielt und sind schließlich nach Hause gefahren. 😄

    Dabei mag ich Musik und Tanzen eigentlich schon sehr gerne. Ich hätte allerdings mal Lust auf so eine Art Silent Disco auf einer Open-Air-Fläche, bei der jeder Kopfhörer trägt. Das stelle ich mir deutlich angenehmer vor.

  • Der Thread ist für Verdachtsautisten und Neudiagnostizierte wahrscheinlich ein Affront und evtl aufwühlend. Aber für andere sehr interessant.


    Ich wollte noch nichts dazu schreiben, weil ich den Artikel heute wegen zu grosser Müdigkeit nicht lesen werde. Aber nein, bisher finde ich es inspirierend und habe mir vorgenommen, jeden Tag ein paar unautistische Seiten von mir aufzuzählen. Persönlich fände ich einen Thread dazu interessant, indem alle von ihren maximal unautistischen Seiten berichten. Das würde dann auch gleich gegen dieses Problem helfen.

  • Was autistisch und was unautistisch ist, ist halt so ne Sache. Ich erinnere mich zb an eine Doku aus England über 3 Autisten (1 Asperger, die anderen schwerer betroffen, einer nicht-sprechend) die eine Band hatten und damit auch aufgetreten sind in Clubs. Und die waren schwerer autistisch als viele im Internet. Also vieles ist halt auch, ich nenne es Internet-Autismus-Folklore, wie dass sie nicht in Clubs gehen können.

  • Eigentlich sind in dem oben verlinkten Artikel vor allem Menschen gemeint, die sich in Diagnosen hineinsteigern, die sie gar nicht bräuchten bzw. nicht wirklich haben. Nur, da ja die Diagnosen und besonders ASS immer weiter ausgeweitet wurden in den letzten Jahren, weiß man nicht immer, ob man selbst auch schon zu diesen Menschen gehört. Ich kann das für mich selbst auch nicht sicher beantworten. Ich kann nur vermuten, dass die Diagnose in meinem Fall gut und hoffentlich richtig war, weil mein Leben tatsächlich (und auch schon vor der Diagnose) sehr abweichend von einem "Standardleben" war und ist, und weil die verschiedenen Hilfen, die ich seither bekommen habe, mir auch geholfen haben. Zeitweise hatte ich aber auch das Gefühl, dass ich ohne Diagnose unbeschwerter hätte weiterleben können - vielleicht.

    Quote

    Menschen, die auf bestimmte Weise klassifiziert werden, neigen dazu, sich daran anzupassen oder in diese Beschreibungsweisen hineinzuwachsen; aber sie gestalten diese auch um, so dass die Klassifikationen und Beschreibungen ständig neu geschrieben werden müssen.“

    Menschen erkennen sich in einer Diagnose wieder, aber in der Regel gibt es auch Symptome, die nicht passen. Was nicht passt, wird passend gemacht, indem man entweder seine Sichtweise an die Symptome anpasst, oder Symptome umdefiniert und z.B. sagt, bestimmte Vorstellungen seien veraltet und die bisherige Beschreibung stimme gar nicht. Durch den Dialog zwischen Patienten und Fachkräften nehmen Fachkräfte diese neuen Sichtweisen auf und verändern die Beschreibung der Diagnose. Das führt zu einer ständigen Verschiebung der Diagnosegrenzen und damit zu einer Ausweitung von Diagnosen. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch sinnvoll. Aber bei Menschen mit nur leichten Symptomen ergibt sich keine Verbesserung ihres Befindens durch eine Diagnose und ihre Behandlung, sodass hier offenbar ein Punkt überschritten wurde, ab dem es keine weiteren Vorteile mehr gibt:

    Quote

    ...junge Männer, die eine Diagnose für ihre psychischen Beschwerden erhalten, führen später ein insgesamt ärmeres und schlechteres Leben als solche, die trotz vergleichbarer Beschwerden keine Diagnose erhalten. Das gilt vor allem für diejenigen, deren Beschwerden bei der Diagnosestellung eher leicht waren, so das Ergebnis einer Studie mit Rekruten des schwedischen Militärs (Bos et al., 2023). Bedenklich auch die Ergebnisse der Better-Access-Initiative in Australien, die für unkomplizierten Zugang zu Psychotherapien sorgte. Nur jede*r Zehnte, der wegen leichterer Beschwerden schnelle Hilfe erhielt, profitierte, ein Drittel verschlechterte sich (Allison, 2023). In einer Kohorten-Studie verbesserten sich psychisch auffällige Jugendliche umso mehr, je weniger Psychotherapie sie erhielten (Jörg et al., 2012). Trotz vermehrter Behandlungen von Depressionen sinkt ihre Häufigkeit in der Bevölkerung nicht (Ormel et al., 2022), was inzwischen mit dem Begriff „Behandlungsparadox“ bezeichnet wird

    Es kann also in manchen Fällen so sein, dass man mit seinen Eigenheiten einfach gelebt hätte, ohne sie groß zu thematisieren oder als wirklich problematisch zu empfinden, wenn man nicht bei der Suche nach Symptomen irgendwo auf eine Diagnose gestoßen wäre, der man sich zugeordnet hat. Dass man sich Diagnosen selbst gibt, noch bevor man überhaupt bei einem Arzt war, ist ja auch ein Phänomen, das auf relativ viele Menschen mit vermuteter Neurodivergenz zutrifft. Also gibt es das Problem, dass Alltagsprobleme überinterpretiert und zu Diagnosen gemacht werden, und wenn so eine Diagnose darüber hinaus auch noch als identitätsprägend angesehen wird, sind die Auswirkungen vermutlich noch umfassender, und man kommt viel schlechter aus dieser Sichtweise wieder heraus. Man findet nicht mehr so einfach zu einem normalen Leben zurück, obwohl man es von seinen Gegebenheiten her könnte. Nicht jeder, der sich als neurodivergent sieht, ist es wirklich, zumal dieser Begriff ohnehin fragwürdig ist.

    Was mich auch überrascht hat: dass Influencer einen dermaßen großen Einfluss haben:

    Quote

    Die Idee, mangelnde Objektpermanenz sei ein Teil von ADHS, wurde durch einen Influencer ohne psychotherapeutische oder medizinische Ausbildung populär gemacht. Wie konnte er so einflussreich werden, dass viele Menschen heute davon ausgehen, mit ihrer Objektpermanenz sei etwas nicht in Ordnung? Was qualifiziert ihn? Seine Reichweite verdankt er seiner eigenen ADHS-Diagnose – und seinen vielen Anhänger*innen auf TikTok.

    Klingt so, als habe er eine Idee verbreitet, die es vorher in der Fachwelt gar nicht gab, und diese Idee verbreitete sich über die ganze Welt, ohne dass dieser Influencer irgendwie qualifiziert war, eine Aussage darüber zu treffen. Das ist sicher kein Einzelfall, sondern findet täglich in tausenden von Videos, Blogs etc. statt.

    In meinem ersten Beitrag habe ich vielleicht zwei Dinge vermischt. Das eine, dass Menschen aus Allerweltsproblemen Diagnosen stricken, und das andere, dass gerade bei "Neurodiversität" Menschen sich mit ihrer Diagnose stark identifizieren. Im ersten Fall kann es zu einer Verschlechterung des Zustands kommen, weil man seinen Problemen mehr Gewicht gibt als nötig wäre. Im zweiten Fall kommt es nicht direkt zu einer Verschlechterung, aber man schränkt sich möglicherweise in seinen Entwicklungsmöglichkeiten langfristig unnötig ein, und das eigentliche Problem, nämlich die Frage, warum man eigentlich glaubt, eine Diagnose zu brauchen für die eigene Identität, wird nie angegangen.

    Ich verstehe eine Identität, als das, was man ist und das beinhaltet alles (z.B. Entwicklung, Erfahrung, Prägung, Krankheit, ja sogar das Gehirn). Also sehe ich die Diagnose als Teil der Identität.

    Das kann man schon so sehen. Aber viele machen ja doch eine ziemlich große Sache daraus. Also z.B. dass man sich sogar als einen ganz eigenen Menschenschlag sieht (ND vs. NT), ist doch eigentlich schon extrem. Vor Jahren gab es schon Diskussionen darüber, ob man Autismus hat oder Autist ist. Ich würde immer sagen, ich habe Asperger oder Autismus, aber eher nicht, dass ich Autist bin, weil ich es nicht so sehe, dass alles an mir autistisch ist. Sondern der Autismus ist ein Teil von mir. Wie groß der Teil ist oder als wie groß ich ihn empfinde, kann sich verändern, je nachdem, wo mein Fokus gerade liegt oder in welcher Lebenssituation ich bin. Oft war es so, dass ich ihn als so wichtig empfunden habe, dass ich ihn nicht verstecken wollte, und das will ich eigentlich auch heute noch nicht. Aber ich glaube, er ist ein klein bisschen weniger wichtig geworden. Ich habe auch andere Eigenschaften, die nichts mit Autismus zu tun haben, und das ist auch ein "Ich", welches unabhängig von Diagnosen existiert.

    Manche wollen sich ihre Diagnose als Tattoo verewigen, also damit wäre ich zurückhaltend, zumal ich es befremdlich finde. Man würde wahrscheinlich kaum eine andere Diagnose außer ADHS und Autismus unbedingt als Tattoo mit sich herumtragen wollen.

    Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.
    (Timothy Snyders „Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand“)

  • Ich muss jetzt auch zugeben, dass das bei mir ein Prozess ist. Im ersten Moment habe ich etwas gedacht in Richtung von, muss ich mich jetzt irgendwie verteidigen, aber dann fuhr ich ein wenig Zug und sah mir die schöne Gegend an und dachte ein wenig nach und merkte, dass ich selber eigentlich überhaupt kein Wunsch verspüre, mich durch eine Diagnose definieren zu lassen. Ich will nicht die nächste Schublade aufmachen, aber ist vielleicht auch vom Alter abhängig.

    Was autistisch und was unautistisch ist, ist halt so ne Sache.


    Guter Punkt, darüber bin ich auch bereits gestolpert in meinen Überlegungen, ob ich so richtig unautistische Seiten an mir habe. Das ist alles ziemlich relativ. Aber ich werde es versuchen. Ich kann auch einen Thread eröffnen, aber wenn SecretDream heute noch etwas schreiben willst dazu, musst Du selber eröffnen.

  • Eigentlich sind in dem oben verlinkten Artikel vor allem Menschen gemeint, die sich in Diagnosen hineinsteigern, die sie gar nicht bräuchten bzw. nicht wirklich haben.

    Das habe ich gar nicht so wahrgenommen. Der Hauptpunkt war für mich der Looping-Effekt. Und der tritt halt auch dann auf, wenn Leute die wirklich krank sind (und nicht nur übertreiben) eine Diagnose bekommen.

    Solche Ettiketten machen was mit einem, auch wenn sie wirklich zutreffen. Sicherlich auch der Grund dafür, warum Leute ihre Diagnosen früher gar nicht gesagt bekamen.


    Maus ja ich habe so das Gefühl es gibt Internet-Autismus und es gibt die Wirklichkeit. (Bei ADHS sicherlich genauso)

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