Booster ist überspitzt formuliert, man könnte auch sagen als Identitätsgeber, aber auch als Identitätsgefängnis, wenn man sich zu sehr mit einer Diagnose identifiziert. Wahrscheinlich ist das ein kontroverses Thema, weil sich jeder im Grunde fragen könnte, ob auch er schon zu denen gehört, die sich eine Diagnose als Identitätsstifter suchen. Also ich selbst auch, aber dazu später mehr.
Zum besseren Verständnis würde ich vorab diesen Artikel empfehlen: https://www.psychotherapeutenjournal.de/2025/1/ptj202501.001
Der Artikel beschreibt es besser, als ich es kann und geht auch mehr in die Tiefe.
"Der Alltag wird zur Fundgrube für Krankheitssymptome."
Ich habe den Eindruck, dass die Schwelle für Diagnosen gesunken ist, und dass irgendwann in den letzten Jahren die Grenze überschritten wurde, bis zu der das sinnvoll war, um auch leichtere Fälle zu erkennen. Damit meine ich, dass Leute für normale Dinge heutzutage schon Diagnosen wollen oder glauben zu brauchen, für kleine menschliche Eigenheiten, die nicht wirklich vom Durchschnitt abweichen und keine Probleme verursachen, die über durchschnittliche Probleme hinausgehen, die jeder Mensch haben kann. Manche bilden/reden sich sogar Symptome ein, die sie gar nicht haben. Man ist wohl zu sehr auf der Suche nach einem Label, weil man nicht mehr einfach nur normal sein will. Hat man sich das Label gegeben, dann verstärkt sich die Aufmerksamkeit für weitere mögliche Symptome, man nimmt verstärkt Schwierigkeiten wahr und übersieht Stärken. Sodass der Effekt beinah unbemerkt sich ins Negative wenden kann.
Es könnte ein Internetphänomen sein (im Sinne dass die Leute dann den Rechner ausmachen und schlagartig wieder normal sind), aber ich glaube nicht, dass solche Dinge auf das Internet beschränkt bleiben, wenn die Leute sich ersteinmal mit bestimmten Diagnosen identifizieren. Sie gehen dann auch zu Diagnostikstellen, und dort fällt das ja auch auf. Es gab schon Artikel darüber, sowohl in Bezug auf ADHS und Autismus als auch in Bezug auf andere Diagnosen wie diese Sache mit den Tics (Tiktok-Tourette).
Problematisch ist dabei, dass die Leute, die eine Diagnose wirklich haben, nicht mehr ernstgenommen werden, wenn sich sowas häuft und bekannt wird. So wie es auch schon passieren kann, dass einem gesagt wird "ach, du hast jetzt auch Autismus/ADHS" und man automatisch in die Modediagnosen- und Spinnerschublade gesteckt wird. Dabei hat man die Diagnose vielleicht schon sehr viele Jahre, aber bekommt plötzlich Hemmungen, sie offen zu sagen, obwohl Offenheit eigentlich helfen könnte, wenn man dann damit auch ernstgenommen werden würde. So schadet dieses ganze Phänomen den Leuten, die wirklich krank sind. Das Wort krank benutze ich auch ganz bewusst.
Die vielen Youtube-Kanäle u.ä. von (angeblich) Betroffenen machen es nicht besser. Ich würde mir fast wünschen, Autismus wäre weniger bekannt, also eher wieder den Zustand vor 15 oder 20 Jahren, der ja auf andere Weise auch nicht optimal war. Aber man hatte damals eher die Chance, durch Aufklärung ernstgenommen zu werden als jetzt. Inzwischen, muss ich sagen, behalte ich meine Diagnose wirklich lieber für mich, das war noch vor ein bis zwei Jahren anders. Den Spruch "heute hat doch jeder Autismus" habe ich selbst auch schon gehört.
Ja, und woher weiß man jetzt, ob man nicht bereits selbst ein Teil dieses Phänomens ist?
Gerade Diagnose-Zweifler werden schnell ins Grübeln kommen. Vermutlich kann man nur schauen, ob man denn Symptome schon "vor dem Internet" gehabt hat (falls man alt genug dafür ist), und ob die Symptome, die man bei sich wahrnimmt, auch zu tatsächlichen Auswirkungen im Lebenslauf geführt haben, sodass man beruflich oder privat nicht das Leben führen kann, das man eigentlich führen will. Eine vorzeitige Berentung oder ein Dauersingledasein oder einfach das "Gesamtpaket" ist zumindest ein Hinweis auf irgendein reales und relevantes Problem. Hat ein Arzt eine Diagnose gestellt, kann das auch ein Hinweis sein, dass da wirklich was ist, wobei ich da nicht für jeden Arzt bürgen würde.
Unabhängig davon kann man, auch wenn die Diagnose stimmt, versuchen, die Diagnose weniger als Identität zu sehen, sondern als einen Aspekt der Person von mehreren. Eine Diagnose ist keine Identität, man ist viel mehr als das. Man sollte versuchen, die eigenen Stärken, Charakterzüge und Wünsche/Träume unabhängig von der Diagnose zu sehen. Also die Diagnose auf das Maß zurückstutzen, das ihr zusteht. Ich glaube, es geht einem dann besser.
Welche Gedanken habt ihr bei diesem Thema?